Kapitel 1
Der erste Schnee des Jahres fiel an einem Dienstagmorgen.
Nicht richtig. Nur so ein dünner, grauer Schneeregen, der sofort zu Matsch wurde. Die Straßen glänzten nass. Autos zogen lange Wasserfahnen hinter sich her.
Und Gormien fühlte sich plötzlich weit weg an. Fast wie ein vergangener Traum.
Fast.
Fynn saß im Computerraum der Schule vor drei Bildschirmen gleichzeitig.
„Wenn du noch mehr Fenster öffnest, startet gleich das FBI bei uns“, sagte der Kursleiter trocken. Fynn grinste kurz. Dann tippte er weiter. Codezeilen flimmerten über den Bildschirm.
Vor einem halben Jahr hätte ihn das alles komplett überfordert.
Jetzt verstand er plötzlich Dinge.
Die schwarze Kladde nicht mehr da, sie war in Gormien verbrannt.
„Fynn?“
Er blickte auf.
Der Kursleiter zeigte auf den Bildschirm.
„Du hast gerade versehentlich das komplette Schulnetzwerk gespiegelt.“ „Aus Versehen.“ „Natürlich.“ „Kann passieren.“
„Nein“, sagte der Lehrer. „Eigentlich nicht.“
Hinter ihm lachten einige Schüler. Fynn grinste nur schief. Dann korrigierte er den Fehler in wenigen Sekunden. Der Lehrer hob beeindruckt die Augenbrauen.
„Okay. Das war ziemlich gut.“
Fynn lehnte sich zurück. Vielleicht brauchte er ein analoges Ephi wirklich irgendwann nicht mehr.
Zur gleichen Zeit saß Leia im Klassenraum im zweiten Stock.
Und hatte schlechte Laune.
Richtig schlechte Laune.
„Hey, Roboterohren.“
Sie ignorierte es.
„Kannst du mit den Dingern eigentlich Radio hören?“
Kichern.
„Bestimmt empfängt sie heimlich Satelliten.“
„Vielleicht ist sie ein Alien.“
Noch mehr Gelächter.
Leia biss die Zähne zusammen. Ihr rechter Prozessor überschlug sich und verzerrte. Zu viele Stimmen gleichzeitig. Zu laut und zu schrill. Sie hasste das.
Früher hätte sie versucht, unsichtbar zu werden. Heute nicht mehr. Sie drehte sich langsam um.
„Sagt mal“, sagte sie ruhig, „habt ihr eigentlich irgendein Hobby außer geistige Unterentwicklung?“
Das Gelächter stoppte abrupt. Ein Junge grinste schief.
„Ui. Die Blechfrau kann sprechen.“
Dann wurde die Klassentür plötzlich geöffnet und Luke trat hinein.
Eigentlich hätte er gar keinen Unterricht in diesem Raum gehabt.
Aber irgendjemand hatte ihm Bescheid gesagt. Luke blieb mitten im Raum stehen. Ganz ruhig.
Das wirke schon irgendwie bedrohlich. Früher wäre er wahrscheinlich direkt ausgerastet. Jetzt nicht mehr.
Jetzt wirkte er wie jemand, der wusste, was er tat. Und das machte Angst.
„Gibt’s ein Problem?“ fragte er freundlich.
Keiner antwortete. Luke nickte langsam.
„Gut.“
Er trat näher.
„Weil ich nämlich seit Gormien Kampftechniken gelernt habe.“
Die Klasse starrte ihn an.
„Und ich habe herausgefunden“, sagte Luke weiter, „dass man Menschen mit einem Löffel bewusstlos machen kann.“
Leia schloss kurz die Augen.
„Luke…“
„Oder mit einer Brotdose.“
„Luke.“
„Oder mit einer Blockflöte.“
Der Junge aus der letzten Reihe schluckte sichtbar.bLuke lächelte.
„Aber keine Sorge. Ich bin inzwischen sehr kontrolliert.“
Dann zeigte er langsam auf Leia.
„Wer sie noch einmal wegen ihrer Implantate dumm anmacht, lernt meine Machetik kennen.“
Totenstille. Sogar der Lehrer sagte nichts. Luke nickte zufrieden.
„Schönen Unterricht noch.“
Dann ging er wieder hinaus.
Eine Sekunde später hörte man draußen:
„AH!“
Poltern.
„Wer stellt denn bitte einen Eimer mitten in den Flur?!“
Leia musste trotz allem lachen.
Im Erdgeschoss der Schule herrschte dagegen Ausnahmezustand. Überall standen Stellwände mit Gemälden und Skizzen.
Lichtprojektoren.
Und mitten darin Marie.
„Nicht anfassen!“ rief sie panisch. Ein Fünftklässler zog sofort die Hand zurück.
Die Ausstellung hieß: „Fantastische Welten.“
Die Bilder zeigten Gormien. Natürlich nicht offiziell. Aber eigentlich doch. Die Wälder der Luumen. Die schwarzen Berge. Die leuchtenden Fellspitzen. Die Höhlen der Gorms.
Die schwebenden Brücken.bDie Nachtfeuer.
Einfach Alles.
Nur glaubten die Leute eben, es sei Fantasy.
„Unglaublich detailreich“, sagte die Kunstlehrerin begeistert.
„Woher hast du diese Ideen?“
Marie lächelte nur schwach.n„Reisen.“
„Nach Norwegen?“ „So ähnlich.“
Vor einem besonders großen Bild blieb eine Gruppe älterer Schüler stehen. Es zeigte die brennenden Wälder an der Grenze der Mykrier. Dunkle Pilztürme.
Schwarzer Rauch. Bewaffnete Schatten. Und darüber ein roter Himmel.
Einer der Jungen runzelte die Stirn.
„Irgendwie wirkt das gar nicht wie Fantasy.“
Marie antwortete nicht. Weil es keine Fantasy war.
In der Nacht wurde es plötzlich still.
Fynn wachte zuerst auf.
Nicht wegen eines Geräuschs. Sondern weil Ephi 2 vibrierte. Ganz leicht. Er setzte sich erschrocken auf. Und erstarrte.
Auf seinem Schreibtisch saß Tarek. Der kleine Luum hatte die Beine überschlagen und aß einen Apfel. Seine Fellspitzen leuchteten mattblau.
„Du bist spät dran“, sagte Tarek.
Fynn starrte ihn an.
„WAS ZUR—“
„Pssst!“
„Wie bist du hier reingekommen?!“ „Fenster.“
„Das ist im zweiten Stock!“ Tarek zuckte mit den Schultern. „Ja.“
Zur selben Zeit saß bei Leia ihr alter Begleiter Nelo auf dem Bettpfosten und untersuchte fasziniert ihren Wecker.
Luke fand Morg neben seinem Kühlschrank.
Der Luum hatte bereits die Hälfte des Inhalts aufgegessen.
Und Marie wachte auf, weil plötzlich Pem mit ihren Pinseln ihre Zimmerwand bemalte.
„HEY!“
Der kleine Luum grinste.
„Wir haben ein Problem.“
Eine Stunde später trafen sich die vier heimlich am alten Spielplatz hinter der Schule.
Es schneite inzwischen richtig.
Die Luumen saßen oben auf dem Klettergerüst. Ungewöhnlich ernst.
„In Gormien beginnt Krieg“, sagte Tarek leise.
Sofort war jede gute Laune verschwunden.
„Die Mykrier haben die Nordstraße blockiert“, erklärte Nelo.
„Die große Brennholzroute.“
Leia runzelte die Stirn.
„Warum?“
Die Luumen wechselten Blicke.
Dann sagte Morg:
„Die Gorms wollten einen Handel erzwingen.“
„Welchen Handel?“ fragte Marie.
Tarek verzog das Gesicht.
„Die Gorms behaupten, die Mykrier würden geheime Kristalle besitzen.“
„Besitzen sie die?“
„Vielleicht.“
„Und deswegen Krieg?“
„Die Gorms sagen, die Mykrier wären gefährlich.“
Luke schnaubte.
„Das klingt ziemlich vorgeschoben.“
„Ja“, sagte Tarek trocken. „Das finden viele.“
Er sprang vom Gerüst.
„Der neue Gorm-Anführer verspricht seinem Volk Stärke. Größe. Sicherheit.“
„Und?“
„Und jetzt marschieren überall Gorm-Soldaten auf.“
Fynn spürte plötzlich ein unangenehmes Ziehen im Bauch.
„Das hatten wir schon mal.“ Tarek nickte düster.
„Die Gorms sagen, nur sie könnten Gormien retten.“
Leia verschränkte die Arme.
„Und die Mykrier?“
„Die sagen, die Gorms wollen nur Macht.“
Wind fegte über den leeren Spielplatz. Schnee wirbelte durch die Luft.
Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann fragte Marie leise:
„Und weshalb braucht ihr uns?“
Die Luumen sahen sich wieder an.
Diesmal wirkte sogar Morg nervös.
„Weil jemand den Krieg will“, sagte Tarek.
„Und jemand anderes dafür sorgt, dass er immer schlimmer wird.“
„Wer?“ fragte Luke.
Tarek hob langsam den Blick.
„Das müssen wir herausfinden.“
Dann zog er etwas unter seinem Umhang hervor.
Vier kleine Steine.
Sie glühten schwach grün.
Portalsteine.
Fynns Herz begann schneller zu schlagen.
Der graue Alltag war vorbei.
