Das Wesen im Farn
Luke hatte den Satz kaum ausgesprochen, da stieß das grauhäutige Wesen ein tiefes Brüllen aus.
Es klang, als würde ein Felsbrocken sprechen lernen.
Die kleinen leuchtenden Wesen oben in den Bäumen verschwanden sofort zwischen den Ästen. Nur hektisches Rascheln blieb zurück.
Das große Wesen dagegen bewegte sich keinen Zentimeter schnell.
Es trat einfach langsam näher. Es hatte keine Angst vor ihnen.
Das Wesen war fast zwei Köpfe größer als Fynn, hatte breite Schultern und lange Arme. Seine Haut sah aus wie nasser Stein.
Unter den schweren Lederstücken an Brust und Armen zeichneten sich dicke Muskeln ab.
Und seine Augen …die Augen wirkten hungrig. Nicht wie bei einem Tier, sondern eher wie bei jemandem, der genau wusste, dass er stärker war als alle anderen.
„Laufen“, sagte Leia sofort. „Definitiv laufen.“
Niemand diskutierte.Die vier drehten sich gleichzeitig um und rannten los. Der Waldboden war weich und voller Wurzeln. Riesige Farne schlugen ihnen gegen die Beine. Überall tropfte Wasser von gewaltigen Blättern. Hinter ihnen krachte etwas durch Büsche.
Es klang nicht besonders schnell, aber schwer, verdammt schwer.
Luke riskierte einen Blick zurück.
„OH NEIN.“
„Was?“ rief Marie.
„Es läuft jetzt schneller!“
„Dann lauf du auch schneller!“
„ICH BIN SCHON IM NOT-MODUS!“
Das kleine leuchtende Wesen tauchte plötzlich wieder über ihnen auf.
Es sprang von Ast zu Ast und klickte hektisch. Dann deutete es nach links.
Fynn bog sofort ab.
„Woher weißt du, dass wir ihm vertrauen können?“ rief Marie.
„Weil die Alternative das da hinten ist!“
Fairer Punkt.
Leia hielt während des Laufens ihr Handy fest umklammert. Ihr Atem ging schneller. Für sie waren es einfach Zu viele Geräusche,
zu viele Echos. Das schwere Stampfen hinter ihnen vibrierte sogar im Boden. Sie spürte jeden Schritt. Und dazu kamen die Geräusche der fremden Welt. Klicken. Zirpen. Rascheln. Der Wind hoch oben in den Ästen. Ihr Gehirn versuchte alles gleichzeitig zu verarbeiten.
Es war zu viel.
„Leia?“ rief Fynn. „Alles okay?“
„Frag später!“
Luke sprang über eine dicke Wurzel. Zumindest versuchte er es.
Mitten im Sprung blieb sein Schuh hängen.
Er überschlug sich halb und krachte in einen Busch.
„ICH HASSE DIESE WELT!“
Fynn packte ihn am Arm und zog ihn sofort wieder hoch.
Hinter ihnen ertönte erneut das tiefe Brüllen. Diesmal war es schon viel näher.
Marie wagte einen Blick zurück. Das Wesen schob einfach kleine Bäume zur Seite, so, als wären sie Gras.
„Das kann doch nicht echt sein“, keuchte sie.
„Wenn ich sterbe, will ich ‚Malles‘ Gefährten‘ auf der Beerdigung hören.“
„Marie!“
„Man weiß nie!“
Das kleine Wesen klickte hektisch weiter.
Jetzt bemerkten sie, dass aus der Ferne andere Klicklaute antworteten. Von Baum zu Baum. Wie Signale.
Leia begriff plötzlich etwas.
„Die warnen sich gegenseitig.“
„Ja, merken wir!“ japste Luke.
„Nein. Ich meine systematisch.“ Sie deutete keuchend nach oben.
„Das ist wie ein Netzwerk.“
Fynn sah kurz hinauf.
Tatsächlich.
Immer wenn ein Luum klickte, antwortete irgendwo weiter vorne ein anderes. Sekunden später wieder eines. Als würden Informationen durch den ganzen Wald geschickt.
„Okay“, keuchte Marie. „Das ist irgendwie cool.“
Dann explodierte direkt neben ihnen Erde. Ein riesiger Baum schlug krachend ein. Dreck flog durch die Luft.
Luke schrie erschrocken auf. „ES WIRFT PFLANZEN!“
Das Gorm-Wesen brüllte erneut. Jetzt hörte man auch Wut darin.
Fynn blickte hektisch umher. Vor ihnen teilte sich das Flussbett.
Links führte ein schmaler Durchgang zwischen hohen Wurzeln hindurch. Rechts wurde das Gelände offener.
„Links!“ rief Leia sofort.
„Warum?“
„Weil das Ding breit ist!“
Wieder fairer Punkt.
Die vier warfen sich in den engen Durchgang.bWurzeln ragten wie Mauern links und rechts auf.nDas Licht wurde dunkler.
Hinter ihnen krachte das Wesen gegen die Wurzeln.mHolz splitterte. Aber für einen Moment blieb es hängen.
Luke grinste keuchend.
„YES!“
Dann brach einfach eine komplette Wurzel weg.
„DAS MUSS DOCH NICHT AUCH NOCH SEIN!“
Sie rannten weiter. Die Luft wurde wärmer.
Zwischen den Wurzeln leuchteten plötzlich kleine blaue Blumen. Manche pulsierten im Takt ihres Vorbeirennens.
Marie stolperte fast, fing sich aber wieder.
„Das ist so unfair“, japste sie.b„Ich sterbe in einer Fantasywelt und sehe dabei nicht mal cool aus.“
„Du siehst okay aus“, keuchte Luke.
„Danke.“
„Wie eine erschöpfte Kartoffel.“
„Luke!“
Leia blieb plötzlich abrupt stehen.
„Wartet.“
„WARUM warten?!“ rief Luke panisch.
Leia deutete nach vorne. Dort war Licht. Nicht das goldene Leuchten der Luumen.
Sie gingen vorsichtiger weiter.bUnd erstarrten.
Vor ihnen ragte ein gigantischer Baumstamm in die Höhe.
Gigantisch reichte als Größenangabe kaum aus.
Der Stamm war breiter als ein Haus. Seine Rinde sah aus wie uraltes Holz und Stein gleichzeitig. Zwischen den Wurzeln befand sich eine Öffnung. Fast wie eine Tür.
Das kleine Lichtwesen sprang davor auf und ab.
„Da rein!“ rief Fynn.
Die vier stürzten in die Öffnung. Innen war es überraschend groß.
Eine Art spiralförmiger Tunnel führte nach oben.
Leuchtende Pflanzen wuchsen an den Wänden. Das Licht war weich und golden. Und überall huschten kleine Gestalten herum.
Mindestens zwanzig Luumen blickten ihnen entgegen.
Jetzt sahen sie sie richtig.
Große goldene Augen. Schmale Gesichter. Langes Fell mit leuchtenden Spitzen. Und Hände und Füße, die fast gleich aussahen. Einige hingen kopfüber an der Wand. Andere saßen seitlich an der Rinde. Als wäre Schwerkraft für sie nur eine grobe Empfehlung. Die Luumen klickten und zirpten wild durcheinander.
Luke blieb abrupt stehen.
„Okay.“
Er zeigte nach oben.
„Das sind definitiv keine Eichhörnchen.“
Mehrere Luumen kicherten sofort.
Ihre Fellspitzen leuchteten heller.
Eines zeigte sogar direkt auf Luke und imitierte seine Haltung.
Marie musste lachen.
„Sie machen dich schon wieder nach.“
„Warum passiert mir das immer?“
Ein besonders kleines Luum sprang plötzlich auf Lukes Schulter.
Luke erstarrte sofort.
„Äh.“
Das Wesen zog neugierig an seiner Kapuze. Dann an seinen Haaren.
„AUA!“
Das Luum klickte erschrocken zurück. Offenbar hatte es nicht verstanden, dass Haare nicht einfach Fell waren.
Marie hielt sofort ihr iPad hoch und begann zu zeichnen.
„Das glaubt uns niemals jemand.“
Fynn schrieb bereits hektisch in Ephi: ‚Luumen offenbar intelligent. Sozial. Humor vorhanden.‘
Dann hielt er inne.
Mehrere Luumen starrten plötzlich direkt auf seine Kladde.
Ein älterer Luum trat langsam nach vorne. Es war kleiner als die anderen.mSein Fell war fast weiß. Die Augen wirkten wach und klug. Es musterte die Kinder lange.
Dann sagte es langsam:
„Menschen.“
Alle vier erstarrten.
Luke zeigte mit offenem Mund auf das Luum.
„Es kann reden!“
Das Luum blickte ihn an.
„Du laut.“
Luke nickte langsam.
„Immer, wenn ich verstört bin.“
Das ältere Luum deutete auf Fynns Kladde.
„Was?“
Fynn hielt Ephi vorsichtig hoch.
„Das? Äh … Notizen.“
Das Luum legte den Kopf schief.
Dann streckte es vorsichtig die Hand danach aus.
Fynn zögerte kurz.
Gab sie ihm dann aber.
Das Luum scrollte vorsichtig durch die Seiten.
Mehrere andere Luumen kletterten sofort näher heran.
Sie betrachteten die Schrift fasziniert.
„Die kennen wohl keine Bücher“, murmelte Marie.
„Oder sie können nicht schreiben“, sagte Leia leise.
Das ältere Luum zeigte auf die Zeichen.
„Festhalten?“
Fynn nickte überrascht.
„Ja.“
Das Luum dachte kurz nach. Dann zeigte es auf seinen Kopf.
„Luumen erinnern.“
Es deutete auf die Ephi.
„Menschen festhalten.“
Fynn nahm Ephi langsam zurück.
Irgendwie gefiel ihm der Satz.
Draußen krachte plötzlich etwas gegen den Baum. Die ganze Höhle vibrierte. Sofort änderte sich die Stimmung.
Die Fellspitzen vieler Luumen wurden dunkler. Das fröhliche Klicken verstummte fast vollständig.
Ein dumpfes Brüllen drang von draußen herein.
Luke schluckte.
„Bitte sagt mir, dass das Ding nicht reinkommt.“
Genau in diesem Moment splitterte draußen Holz.
„Crazy.“
Mehrere Luumen huschten sofort nach oben. Wie Lichtblitze zwischen den Wänden. Das ältere Luum tauschte hektische Klicklaute mit einem anderen aus. Dann sah es die Kinder an.
„Gorm draußen.“
„Ja“, sagte Fynn.
„Haben wir bemerkt.“
Das Luum deutete weiter nach oben.
„Kommen.“
„Wohin?“ fragte Marie.
Das Luum zeigte die Spirale hinauf.
„Sicher.“
Leia blickte nach oben. Die Spirale führte unglaublich weit hinauf.
Fast bis in die Baumkrone.nUnd dort oben … Dort oben leuchtete etwas.bWarm und golden.
Fast wie eine kleine Stadt.
Wieder erschütterte ein dumpfer Schlag den Stamm.
Diesmal splitterte wieder irgendwo Holz.
Luke zuckte zusammen.
„Ich finde den Sicher-Teil ehrlich gesagt noch nicht sooo überzeugend.“
Fynn sah die anderen an.
„Wir haben gerade nicht viele Optionen.“
„Das stimmt leider“, murmelte Marie.
Also begannen sie den Aufstieg.
Die Luumen bewegten sich mühelos die Wände hinauf. Nicht nur mit den Händen. Auch mit den Füßen. Als könnten sie überall mit allem greifen.
Luke dagegen schnaufte bereits nach wenigen Minuten.
„Warum“, keuchte er, „muss Fantasy immer aus Treppen bestehen?“
„Das sind keine Treppen“, sagte Leia.
„Dann ist es ja sogar noch schlimmer.“
Marie blickte nach unten.
Der Eingang lag inzwischen weit unter ihnen.
Und dort bewegte sich etwas.
Der Gorm.
Er hatte sich halb durch die Öffnung gezwängt. Seine Schultern schabten an der Rinde entlang. Mehrere Luumen warfen kleine Speere auf ihn. Der Gorm brüllte nur wütend. Einer der Speere zerbrach einfach an seiner Schulter.
Luke starrte nach unten.
„Das ist unfair. Warum kriegen die Monster immer Rüstungshaut?“
Leia blieb plötzlich stehen.
Sie lauschte. Ganz still.
Fynn bemerkte es sofort.
„Was ist?“
Leia sah nach unten. „Da kommen mehr.“
Stille.
Dann hörten es auch die anderen. Dumpfe Schritte. Und nicht nur von einem einzigen.
Das ältere Luum blickte erschrocken nach unten. Seine Fellspitzen färbten sich dunkelrot.
„Mehr Gorms.“
Die Worte hallten unangenehm im Baumstamm nach.
Marie bekam eine Gänsehaut.
„Wie viele?“
Das Luum antwortete nicht sofort. Dann sagte es leise: „Zu viele.“
Unten erklang plötzlich ein gewaltiger Schlag. Der gesamte Baum vibrierte. Staub rieselte von der Decke. Einige Luumen schrien erschrocken auf.
Der Gorm hatte begonnen, gegen die Innenwände des Stammes zu schlagen. Und langsam kam er näher.
Das ältere Luum blickte direkt zu den Kindern hoch.
Seine Augen wirkten plötzlich ernst. Nicht neugierig oder freundlich.
Sondern besorgt.
„Schnell“, sagte es erneut.
„Macht schnell.“
Fortsetzung folgt
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