Der Pfad nach Kar’duum
In dieser Nacht schlief fast niemand.
Der Wind rauschte durch die gewaltigen Baumkronen des Luumen-Dorfes und ließ die Brücken leise knarren. Überall glommen kleine Lichtfrüchte zwischen den Ästen und tauchten die Plattformen in flackerndes, goldenes Licht.
Fynn lag auf einer Hängematte aus geflochtenen Pflanzenfasern und starrte nach oben.
Unter ihm bewegte sich die ganze Plattform leicht im Wind.
Ganz leicht.
Aber genug, damit sich sein Gehirn permanent meldete:
Du bist viele Meter über dem Boden. Verdammt viele Meter, eigentlich viel zu viele
Von irgendwoher hörte er Luke schnarchen.
Unglaublich laut.
„Wie schafft er das eigentlich?“, murmelte Marie leise von der Nachbarhängematte.
„Vielleicht hat er innen einen Rasenmäher eingebaut“, sagte Fynn.
Leia saß ein paar Meter entfernt auf einer Plattformkante und blickte in die Dunkelheit hinaus.
Ihr Handy lag neben ihr. Das Display leuchtete schwach.
Sie hatte darauf eine Karte fotografiert, die Seris ihnen gezeigt hatte.
Immer wieder zoomte sie hinein und betrachtete die Wege.
Fynn setzte sich auf.
„Du schläfst auch nicht?“
Leia schüttelte den Kopf. „Hier sind zu viele Geräusche.“
Sie deutete auf ihre Implantate. „Der Wald ist nachts extrem laut.“
Jetzt, wo Fynn genauer hinhörte, bemerkte er es ebenfalls.
Überall knackte, raschelte oder zirpte irgendetwas.
Für Leia musste das mit ihren Löffeln wahrscheinlich noch viel intensiver sein.
„Kannst du die einfach leiser machen?“
„Teilweise.“
Sie tippte kurz hinter ihr Ohr.
„Aber wenn ich sie zu weit runterstelle, höre ich wichtige Sachen nicht mehr.“
Plötzlich knackte irgendwo weit unten ein Ast. Leia hob sofort den Kopf.
„Da.“
Fynn lauschte, aber ja, hörte nichts.
„Was war das?“
„Irgendetwas Großes.“
Dann wurde es wieder still. Leia runzelte die Stirn.
„Ist aber weiter weg.“
Fynn bekam sofort wieder dieses unangenehme Gefühl im Bauch.
Die Gorms waren noch da draußen.
Am nächsten Morgen warteten Seris und mehrere andere Luumen bereits auf der Hauptplattform. Die Stimmung war ernst.
Sogar die Fellspitzen wirkten dunkler als am Abend zuvor.
Luke kam verschlafen herangeschlurft.
„Warum sehen morgens eigentlich immer alle so motiviert aus außer mir?“
„Weil du aussiehst wie ein überfahrener Teppich“, sagte Marie.
„Das ist aber sehr verletzend.“
Seris trat vor.
Neben ihm standen vier junge Luumen.
Sie wirkten deutlich nervöser als die anderen.
„Wir haben beraten“, sagte Seris. „Und wir bitten euch um Hilfe.“
Fynn blinzelte. „Uns?“
„Ihr habt bereits einen Gorm vertrieben.“
„Mit Glück“, sagte Leia sofort.
„Manchmal ist Glück genug“, antwortete Seris.
Er deutete auf die vier Luumen. „Diese vier werden euch begleiten.“
Der erste sprang sofort nach vorne. Seine Fellspitzen leuchteten hellorange. „Ich bin Nilo!“
Er grinste breit.
Fynn ahnte sofort Probleme.
Die zweite Luumin war kleiner und hatte grünliche Fellspitzen.
„Sira“, sagte sie ruhig.
Der dritte war kräftiger gebaut und trug mehrere kleine Taschen.
„Bor.“
Er klang, als würde er grundsätzlich nur ein Wort pro Stunde sagen.
Die letzte Luumin stand etwas im Hintergrund.
Ihr Fell war fast weiß. „Elya.“
Mehr sagte sie nicht.
Luke zeigte auf sich.
„Moment. Ihr wollt wirklich, dass WIR eine Prinzessin retten?“
Seris nickte.
„Ja.“
„Habt ihr keine besseren Leute?“
„Nein.“
„Das ist irgendwie nicht wirklich aufbauend.“
Seris wurde ernst. „Aurea kennt das Geheimnis der Freude.“
Mehrere Luumen senkten sofort den Blick.
„Wenn die Gorms es erfahren, dann verändert sich alles.“
Leia verschränkte die Arme.
„Und warum gerade wir?“
Seris sah sie direkt an. „Weil du hörst, was andere nicht hören.“
Dann blickte er zu Marie. „Und weil ihr Dinge festhalten könnt.“
Marie hob ihr iPad leicht an. „Fotos?“
„Erinnerungen“, sagte Seris.
„Menschen vergessen weniger, wenn sie Bilder haben.“
Fynn dachte kurz an seine elektronische Kladde Ephi in seinem Rucksack und sagte lieber nichts.
Eine Stunde später standen sie am Rand des Dorfes.
Unter ihnen begann der dunkle Wald von Gormien.
Dicht und nebelverhangen.
Die Luumen hatten ihnen Taschen mit Vorräten gegeben.
Luke trug ungefähr die Hälfte davon.
„Warum bin immer ich das Lasttier?“
„Weil du am sowieso den meisten Platz einnimmst“, sagte Leia.
„Freundschaft bedeutet Unterstützung.“
Dann begann der Abstieg. Die ersten Stunden verliefen ruhig.
Die Luumen bewegten sich unglaublich schnell durch den Wald.
Sie sprangen über Wurzeln, schwangen an Ästen entlang und verschwanden manchmal plötzlich komplett zwischen den Bäumen.
Die Menschen hatten deutlich größere Probleme. Vor allem Luke.
„Wer baut denn einen Wald SO?“
Er stolperte über eine Wurzel. „AUA!“
Nilo drehte sich kopfüber an einem Ast zu ihm um.
„Der Wald baut sich selbst.“
„Nicht gerade nett von ihm.“
Leia lief meistens vorne.
Immer wieder blieb sie stehen und lauschte.
Manchmal hob sie einfach nur leicht den Kopf.
Dann änderte sie etwas an ihren Implantaten.
Fynn beobachtete sie dabei.
„Hörst du wieder was?“
Leia nickte. „Der Wald klingt unterschiedlich.“
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“
„Doch.“
Sie zeigte zwischen die Bäume.
„Dort vorne fehlen Tiergeräusche.“
Fynn hörte nur Wald.
Sonst nichts. Aber Leia hatte bisher immer recht gehabt.
Marie fotografierte währenddessen ständig die Umgebung.
Manchmal zoomte sie auf seltsame Spuren. Oder auf eingeritzte Zeichen an Bäumen. Einmal hielt sie plötzlich an.
„Wartet.“
Alle blieben stehen. Marie zeigte auf ihr iPad.
„Diese Zeichen hier… die haben wir schon mal gesehen.“
Leia trat neben sie.
Marie scrollte durch mehrere Bilder. Dann hielt sie ein älteres Foto an. Dasselbe Symbol. Ein Kreis mit drei Linien.
„Das ist eine Markierung“, sagte Leia.
„Vielleicht ein Weg.“
Bor nickte langsam.
„Alter Pfad.“
Luke sah beeindruckt aus.
„Okay. Ohne Technik wären wir schon hundertmal verloren.“
Der Wald wurde dichter und dunkler.
Und plötzlich begann es zu regnen. Leia reagierte sofort.
Sie zog die Kapuze hoch und hielt eine Hand schützend über ihre Implantate.
„Mist.“
Fynn sah sie an.
„Zu nass?“
„Noch nicht.“
Die Luumen spannten schnell große Blätter über ihre Schultern.
Doch der Regen wurde stärker.
Wasser tropfte von überall.
Luke rutschte sofort im Schlamm aus.
„WAAAAH—“
Er verschwand halb in einem Gebüsch.
Nilo brach in schallendes Gelächter aus. Sogar Elya grinste kurz.
Dann blieb Leia plötzlich stehen. Ihr Gesicht wurde blass.
„Nein.“
Sie tastete hektisch hinter ihr Ohr.
Noch einmal.
Schneller.
Panischer.
„Nein nein nein—“
Fynn verstand sofort.
„Dein Implantat?“
Leia nickte hektisch. „Das rechte ist weg.“
Sofort wurde es still. Der Regen rauschte durch die Blätter. Irgendwo knackte Holz.
Leia suchte bereits im Schlamm. Mit beiden Händen.
„Es muss hier sein.“
Luke sah sich nervös um.
„Wie schlimm ist das?“
Leia atmete flach.
„Sehr schlimm.“
Ohne das zweite Implantat hörte sie nichts mehr auf einer Seite.
Und im dichten Wald war das gefährlich. Marie kniete sich sofort neben sie.
„Okay. Ruhig bleiben.“ Sie öffnete ihr iPad. „Wir machen das systematisch.“
Leia sah sie irritiert an.
Marie zoomte in ein Foto hinein, das sie wenige Minuten vorher gemacht hatte. Darauf war der Weg hinter ihnen zu sehen.
„Da hattest du beide noch.“ Sie wechselte zum nächsten Bild. „Hier auch.“ Dann zum nächsten. „Moment…“
Sie vergrößerte das Bild.
Ein kleiner silberner Punkt lag neben einer Wurzel.
„DA!“
Nilo sprang sofort los.
Doch plötzlich ertönte aus dem Wald ein tiefes Knurren.
Alle erstarrten.
Nicht weit entfernt. Leia hob sofort den Kopf. Selbst mit nur einem Implantat hörte sie es.
Hier ist eine deutlich dramatischere und längere Version der Nachtrenner-Szene:
Das Knurren wurde lauter.
Viel lauter.
Nicht wie das Geräusch eines einzelnen Tieres.
Es klang, als würde etwas Großes durch den Wald pflügen.
Äste brachen.
Büsche wurden zur Seite gedrückt.
Der Boden vibrierte leicht.
Leia hob langsam den Kopf.
Ihr Gesicht war kreidebleich.
„Das ist schnell“, flüsterte sie.
„Sehr schnell.“
Nilo kam mit dem gefundenen Implantat zurückgesprungen.
„Gefunden!“, rief er noch.
Dann hörte auch er das Donnern zwischen den Bäumen.
Sein Grinsen verschwand sofort.
„Oh.“
Das Wesen kam näher.
Immer näher.
Fynn spürte, wie sein Herz bis zum Hals schlug.
Irgendetwas raste direkt auf sie zu.
Nicht zufällig.
Nicht auf der Suche nach Nahrung.
Es kam geradewegs in ihre Richtung.
„RUNTER!“, schrie Leia plötzlich.
Alle warfen sich zu Boden.
Im selben Augenblick explodierte das Unterholz.
Etwas Gewaltiges schoss zwischen den Bäumen hervor.
Fynn sah nur verschwommene Bilder.
Schwarzes Fell.
Leuchtende Augen.
Lange Beine.
Viel zu viele Beine.
Und Klauen.
Überall Klauen.
Das Wesen raste mit unglaublicher Geschwindigkeit über sie hinweg.
Der Luftzug riss Blätter und Wasser mit sich.
Luke wurde sogar ein Stück durch den Schlamm geschoben.
„WAAAH!“
Der Nachtrenner krachte gegen einen Baumstamm.
Das Holz splitterte.
Ein Ast so dick wie ein menschliches Bein brach krachend ab.
Dann verschwand das Wesen wieder zwischen den Bäumen.
Stille.
Nur Regen.
Keiner bewegte sich.
Niemand sprach.
„Was … war … das?“, flüsterte Luke schließlich.
Bor blickte in die Dunkelheit.
„Nachtrenner.“
„Wie sollten sie auch sonst heißen“, murmelte Luke.„Kuschelbären vielleicht?“
Niemand lachte. Das machte Luke sofort klar, wie ernst die Lage war.
Leia befestigte hastig ihr Implantat. Ihre Hände zitterten.
Mehrmals verfehlte sie die richtige Position.
Endlich rastete es ein.
Ein leises Pfeifen erklang für sie. Dann hörte sie wieder vollständig. Sie schloss erleichtert die Augen. Doch plötzlich erstarrte sie.
„Nicht bewegen.“
Alle froren augenblicklich ein.
„Was jetzt?“
Leia hob langsam eine Hand.
„Hört ihr das?“ Fynn lauschte. Nichts. Nur Regen.
„Nein.“
„Genau.“
„Was genau?“
„Die Schritte.“
Fynn verstand nicht. Dann begriff er. Das Wesen war verschwunden.
„Es bewegt sich nicht mehr“, sagte Leia. „Es wartet.“
Ein eisiger Schauer lief Fynn über den Rücken.
Der Wald schien plötzlich viel dunkler geworden zu sein.
Die Bäume wirkten wie riesige Schatten. Überall konnte sich etwas verstecken. Dann kam das Geräusch. Ein langsames Kratzen.
Alle drehten sich herum. Nichts. Wieder ein Kratzen.
Diesmal links. Luke schluckte.
„Das gefällt mir überhaupt nicht.“
Sira hatte bereits einen Pfeil aufgelegt. Nilo stand auf einem Ast über ihnen. Selbst seine Fellspitzen leuchteten nicht mehr.
Der junge Luum hatte Angst.
Dann ertönte ein tiefes Fauchen. Direkt hinter ihnen.
Alle fuhren herum.
Zwei Augen schwebten zwischen den Bäumen.
Groß und gelb. Unnatürlich hell. Sie starrten nur.
„Da!“, rief Marie.
Der Nachtrenner sprang hervor. Diesmal konnten sie ihn richtig sehen. Das Wesen war fast so groß wie ein Pferd.
Sein Körper erinnerte an eine Mischung aus Raubkatze und Spinne. Sechs lange Beine trugen den muskulösen Leib.
Der Rücken war mit dunklen Knochenplatten bedeckt.
Aus dem Maul ragten säbelartige Zähne.
Luke machte einen Schritt rückwärts.
„Nein.“
Noch einen.
„Nein.“
Noch einen.
„Definitiv nein.“
Der Nachtrenner fauchte. Dann spannte er die Beine an.
Leia riss die Augen auf. „Er springt!“
Das Monster schoss los. Wie ein schwarzer Blitz.
Bor warf seinen Speer. Der Nachtrenner wich mitten im Sprung aus. Unglaublich schnell. Der Speer flog ins Leere.
Nilo sprang vom Ast. Sira schoss einen Pfeil.
Das Wesen raste zwischen beiden hindurch..
Fynn dachte nur noch: Wir schaffen das nicht.
Dann stolperte Luke. Natürlich stolperte Luke.
Sein Fuß blieb an einer Wurzel hängen.
Mit einem überraschten Quieken fiel er nach vorne.
Direkt in eine tiefe Schlammpfütze.
SCHWAPP!
Der Nachtrenner wollte über ihn springen.
Doch seine Vorderbeine landeten ebenfalls im Schlamm.
Für einen winzigen Augenblick verlor das Monster das Gleichgewicht.Nur eine Sekunde, aber sie reichte.
Das schwere Wesen rutschte weg. Die Hinterbeine schossen nach vorne. Der ganze Körper überschlug sich.
Der Nachtrenner flog wie ein riesiger nasser Teppich durch die Luft.
KRAWUMM!
Er prallte gegen einen umgestürzten Baumstamm.
Die Knochenplatten auf seinem Rücken schlugen gegen das Holz.
Das Wesen gab ein wütendes Kreischen von sich.
„LUKE!“, brüllte Fynn.
„ICH WEISS!“, brüllte Luke zurück.
„ICH BIN WIEDER DIE GEHEIMWAFFE!“
Der Nachtrenner rappelte sich auf. Benommen, wütend und verwirrt.
Nilo nutzte die Gelegenheit. Er sprang von Ast zu Ast.
Seine Fellspitzen leuchteten plötzlich grell orange. Immer heller. Und noch heller.
Der Nachtrenner drehte den Kopf.
Noch heller.
Wie eine kleine Sonne zwischen den Bäumen.
Das Wesen fauchte. Seine Augen verengten sich.
„Jetzt!“, rief Sira.
Drei Pfeile schossen gleichzeitig los. Sie trafen die Knochenplatten.
Nicht tief. Aber laut genug. Der Nachtrenner kreischte. Drehte sich um.
Und verschwand mit gewaltigen Sprüngen im Wald.
Das Donnern seiner Schritte wurde schwächer.
Dann war es weg.
Diesmal wirklich.
Lange sagte niemand etwas.
Der Regen tropfte von den Blättern.
Alle atmeten schwer.
Luke saß immer noch mitten in der Schlammpfütze.
Schließlich hob Marie ihr iPad.
Sie machte ein Foto.
„Was wird das denn?“
Marie grinste.
„Beweismaterial.“
„Für was?“
„Dass du sogar Monster besiegst, indem du hinfällst.“
Zum ersten Mal seit Minuten mussten alle lachen.
Sogar Elya. Doch Leia lachte nicht.
Sie blickte in die dunklen Tiefen des Waldes.
Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst.
„Wir müssen weiter.“
Fynn bemerkte sofort den Tonfall.
„Warum?“
Leia schluckte.
„Weil der Nachtrenner nicht vor uns geflohen ist.“
Die Gruppe verstummte.
„Was meinst du damit?“, fragte Marie.
Leia zeigte in die Ferne.
Dort, weit zwischen den Bäumen, erklang plötzlich ein tiefes Heulen. Dann ein zweites. Dann ein drittes.
Und irgendwo dazwischen hörte man schwere Schritte.
Nicht die eines Nachtrenners.
Viel schwerere. Viel langsamere.
Leia blickte in die Dunkelheit.
„Der Nachtrenner ist vor etwas anderem weggelaufen.“
In diesem Moment hallte das dumpfe Kriegshorn der Gorms durch den Wald.
