Kapitel 10

Die Tür mit dem Lachen

Der Frühstücksraum der Gorms war überraschend gemütlich.
Zumindest gemütlich für einen Ort mit schwarzen Steinwänden, riesigen Äxten an den Wänden und einem Schädel, der vermutlich einmal irgendetwas sehr Großes gewesen war.
Luke stopfte sich gerade den dritten grünen Fladen in den Mund.
„Ich sag euch“, murmelte er kauend, „die schmecken besser als sie aussehen.“
„Das ist keine große Leistung“, sagte Leia trocken.
Einer der Gorms lachte tief brummend.
„Der Kleine mit den vielen Geräuschen ist lustig.“
„Ich habe einen Namen“, sagte Luke.
Kurze Pause.
„Aber viele Geräusche stimmt.“
Die drei Gorm-Wachen hießen Brokk, Harrok und Tuld.
Brokk war riesig und hatte einen Bart, in dem offenbar Essensreste der letzten zehn Jahre wohnten.
Harrok hatte nur ein Auge, dafür aber ein erstaunlich freundliches Lächeln.
Und Tuld wirkte zwar ständig schlecht gelaunt, hatte Luke aber bereits zwei zusätzliche Fladen gegeben.
Das sprach für ihn.
Leia beobachtete die drei trotzdem misstrauisch.
„Warum helft ihr uns wirklich?“
Harrok zuckte mit den Schultern.
„Prinzessin nett.“
„Und der König?“ fragte Fynn vorsichtig.
Sofort wurden die Gesichter ernster.
Tuld spuckte beinahe verächtlich auf den Boden.
„Der alte Gorm-König war hart.“
„Aber gerecht“, ergänzte Brokk.
„Der neue?“
Harrok schüttelte langsam den Kopf.
„Zu viele Schattenleute.“
Leia runzelte die Stirn.
„Schattenleute?“
Die drei Gorms wechselten einen kurzen Blick.
Dann sagte Brokk leise:
„Fremde Berater.“
„Seit sie da sind“, murmelte Tuld, „werden Leute weggesperrt.“
„Und Prinzessin Aurea?“ fragte Marie.
Harrok nickte langsam.
„Sie widerspricht.“
Luke hob begeistert den Finger.
„Das mache ich auch ständig!“
„Deshalb mögen wir dich wahrscheinlich“, sagte Tuld trocken.
Luke grinste stolz.
Kurz darauf verließen sie gemeinsam den Raum. Die drei Gorms gingen vorneweg. Die Kinder und die Luumen folgten dicht dahinter.
Die Gänge des Palastes wirkten jetzt noch größer. Überall brannten Feuerbecken. Schwere Teppiche schluckten die Schritte.
Ab und zu liefen Wachen vorbei. Doch sobald sie Brokk sahen, nickten sie meist nur respektvoll.
„Praktisch“, flüsterte Marie.
„Sehr praktisch“, murmelte Fynn.
Leia lief konzentriert neben Harrok. Immer wieder tippte sie leicht gegen eines ihrer Cochlear-Implantate. Das rechte machte seit einigen Minuten ein merkwürdiges Knacken.
Erst leise. Dann lauter.
KNRZZT.
Leia verzog genervt das Gesicht. Luke sah sie an.
„Alles okay?“
KNRZZT.
„Ja“, sagte Leia.
KNRZZT.
„Klingt aber nicht okay.“
„Es klingt nur komisch.“
KNRZZT.
Plötzlich blieb Leia stehen.
„Moment.“
Sie drückte einige Knöpfe am Prozessor.
Sofort wurde das Knacken lauter.
KNRRRRRZZZZT.
Alle fuhren erschrocken zusammen. Einer der Luumen sprang direkt an die Decke. Brokk griff reflexartig nach seiner Axt.
„WAS WAR DAS?“
Leia seufzte.
„Mein Implantat.“
Tuld blinzelte verwirrt.
„Dein… was?“
„Technik.“
Die drei Gorms sahen sofort beeindruckt aus.
„Magie?“ fragte Harrok ehrfürchtig. Leia überlegte kurz.
„Technische Magie.“ Luke nickte ernst.
„Das stimmt. Sie explodiert manchmal fast wissenschaftlich.“
„Das ist noch nie passiert!“
„Der Toaster erinnert sich anders.“
Sie gingen weiter. Langsam wurde der Palast lebhafter.nImmer mehr Diener liefen durch die Gänge. Kleine myrkische Wesen huschten mit Tabletts umher. Andere schoben Wagen voller Kisten.
Aus einer offenen Tür drang lautes Hämmern. Aus einer anderen seltsamer Gesang.
Luke blieb plötzlich stehen. „Riecht ihr das?“
Alle schnupperten. Dann traf sie der Duft gleichzeitig.
Gebratene Pilze. Scharfe Kräuter undf risches Brot.
Luke bekam glänzende Augen.
„Die haben hier eine KÜCHE.“
„Nein“, sagte Leia sofort.
„Doch.“
„Nein.“
„Aber—“
„NEIN.“
Luke sah kurz traurig aus.
Dann hörte man aus seinem Bauch ein langes Knurren.
Brokk nickte verständnisvoll. „Der Junge braucht Nahrung.“
„Der Junge hatte acht Frühstücke“, sagte Leia.
„Wachstumsphase“, erklärte Luke würdevoll.
Genau in diesem Moment bog eine kleine myrkische Köchin um die Ecke. Sie war kaum größer als ein Luum, trug eine riesige weiße Kochmütze und schob einen überladenen Servierwagen voller dampfender Töpfe. Leia bemerkte sie zuerst.
„Luke—“
Zu spät. Luke drehte sich um. Die Köchin blickte hoch.bLuke blickte runter. Beide erstarrten.
„OH—“
KRASCH.
Luke stolperte direkt in den Wagen. Töpfe flogen durch die Luft.
Pilzsuppe explodierte an der Wand. Eine grüne Soße verteilte sich über Brokks Beine. Ein Korb voller Brötchen schoss wie Kanonenkugeln durch den Gang. Eines traf Tuld mitten im Gesicht. Stille.
Die kleine Köchin zitterte vor Wut. Langsam hob sie einen Kochlöffel. Er war überraschend groß.
„DU!“ kreischte sie.
Luke hob vorsichtig die Hände.
„Ich kann alles erklären.“
WHACK.
Der Kochlöffel traf ihn direkt am Kopf.
„AUA!“
WHACK.
„NICHT DIE NASE!“
WHACK.
„ICH BIN EMPFINDLICH!“
Die Luumen kicherten so sehr, dass zwei beinahe von einer Statue fielen. Sogar Harrok musste lachen.
Leia trat schließlich dazwischen.
„Es tut uns leid.“
Die Köchin schnaubte.
Dann fiel ihr Blick auf Leias Implantate.
Sofort wurde sie neugierig.
„Was ist DAS?“
„Eine Hörhilfe“, erklärte Leia.
Die Köchin trat näher. Sehr nah.
KNRZZZT.
Plötzlich begann Leias rechtes Implantat laut zu pfeifen.
Die Köchin quietschte erschrocken auf. Brokk duckte sich instinktiv. Luke zeigte begeistert auf Leia.
„Jetzt macht sie wieder Robotergeräusche!“
„Das liegt an den Metalltöpfen!“ sagte Leia genervt.
Das Pfeifen wurde schlimmer.
PIIIIIIIIEP.
Alle hielten sich die Ohren zu.
Sogar die Gorms verzogen das Gesicht.
Luke allerdings grinste. „Du klingst wie ein wütender Teekessel.“
Leia funkelte ihn an.
„Noch ein Wort und ich schalte DEINE Ohren aus.“
„Das geht?“ fragte Brokk beeindruckt.
„Leider nein“, murmelte Fynn.
Nach einigen Minuten hatte sich das Chaos halbwegs beruhigt.
Die Köchin drückte Luke schließlich einen riesigen Korb voller Gebäck in die Arme.
„Damit du beschäftigt bist.“
„Danke!“
„Und damit du NICHTS anfasst.“
„Verstanden.“
Keine zehn Sekunden später blieb Luke mit dem Ärmel an einer Suppenkelle hängen.
KLONG.
Die Köchin schrie irgendetwas auf Myrkisch.
Alle beschlossen einstimmig weiterzugehen. Je tiefer sie in den Palast kamen, desto seltsamer wurde die Stimmung.
Die prächtigen Hallen verschwanden. Die Gänge wurden dunkler.
An einigen Türen standen zusätzliche Wachen. Andere Bereiche wirkten komplett verlassen.
Leia bemerkte plötzlich erneut ein seltsames Geräusch in ihrem Implantat. Diesmal war es kein Knacken. Es war ein tiefes Summen. Ganz schwach.
MMMMMMMM.
Sie blieb stehen.
„Hört ihr das?“
„Was?“ fragte Marie.
Leia konzentrierte sich.
Das Summen kam rhythmisch.
Fast wie…
Maschinen?
Sie tippte erneut gegen das Implantat.
Sofort wurde das Geräusch klarer.
MMMMMMMMMMMM.
Dann plötzlich:
KRIIIIIIKSCH.
Leia zuckte zusammen.
„Au.“
„Was ist?“ fragte Fynn sofort.
„Irgendwas stört die Frequenz.“
„Was bedeutet das?“
„Entweder sehr viel Metall…“
Sie blickte langsam den Gang hinunter.
„…oder Technik.“
Die drei Gorms wurden sofort ernst.
„Technik?“ fragte Harrok leise.
Leia nickte. „Und zwar große.“
Brokk kratzte sich am Bart. „Im alten unteren Trakt gibt es seltsame Räume.“
„Die Schattenleute gehen dort hinein“, murmelte Tuld. „Niemand sonst.“
Fynn und Marie wechselten einen Blick. Leia spürte plötzlich die Gänsehaut, die sie bekam.
„Vielleicht wird dort Aurea festgehalten.“
„Oder etwas anderes“, sagte Marie leise.