Der stinkende Weg zur Burg
Die Dunkelheit hatte sich längst über die Burg gelegt.
Nur einzelne Feuerstellen brannten noch auf den Mauern und tauchten die schwarzen Steine in flackerndes rotes Licht.
Die gewaltige Festung wirkte dadurch noch bedrohlicher.
Wie ein riesiges Tier, das im Schlaf wartete.
Die acht Reisenden bewegten sich langsam am Fuß der Burg entlang.
Immer dicht an den Schatten.
Immer bereit, sich sofort zu verstecken.
Über ihnen liefen Wachen auf den Mauern hin und her. Ihre Speere blitzten manchmal im Feuerschein auf.
Von irgendwo erklang dumpfer Trommelschlag.
Fynn zog den Kopf ein.
„Die haben echt viele Wachen.“
„Viel zu viele“, murmelte Leia.
Luke sah nach oben.
„Also ich hätte da oben wirklich lieber die höfliche Klingelvariante ausprobiert.“
„Du wärst keine fünf Sekunden später im Kerker“, sagte Leia.
„Vielleicht haben die da ja gutes Essen.“
„Luke!“
„Man wird ja wohl noch Prioritäten setzen dürfen.“
Die Gruppe schlich weiter. Zwischen Felsen. Vorbei an moosigen Mauern. Immer wieder mussten sie sich hinter Geröll oder verdorrten Büschen verstecken, wenn oben Schritte zu hören waren.
Einmal blieb plötzlich direkt über ihnen ein Gorm stehen. Sein Schatten fiel über die Mauer.
Alle hielten sofort die Luft an. Langsam beugte sich die Gestalt über die Brüstung. Luke schloss panisch die Augen.
Der Gorm spuckte laut gähnend in die Dunkelheit.
Der Schleimbrocken platschte nur wenige Zentimeter neben Luke auf einen Stein.
Luke sah angewidert darauf.
„Ich wurde fast erschossen.“
„Mit Spucke“, flüsterte Marie.
„Das macht es auch nicht besser.“
Dann deutete Marie plötzlich nach vorne.
„Da… seht ihr das?“
Zwischen Felsen und Wurzeln floss ein schmaler dunkler Bach direkt unter der Burgmauer entlang. Und er stank so schlimm, dass selbst die Luumen würgend zurückwichen und ihre Fellspitzen grau wurden.
Luke hielt sich sofort die Nase zu.
„OH NEIN.“
Fynn verzog das Gesicht.
„Was IST das?“
Leia kniete sich vorsichtig hin und leuchtete mit einer kleinen Kristalllampe in die Brühe. Das schwarze Wasser glitzerte ölig.
Darin schwammen seltsame Dinge vorbei. Holzstücke. Metallteile.
Zerbrochene Werkzeuge. Leere Flaschen. Knochen. Verrottete Stoffreste. Und eine einzelne Socke.
Luke zeigte entsetzt darauf.
„Der arme Mensch.“
„Das war bestimmt kein Mensch“, sagte Marie.
Luke schluckte.
„Noch schlimmer.“
Plötzlich platschte etwas im Wasser. Ein rundes Ding trieb vorbei und starrte sie mit zwei leuchtenden Punkten an. Luke sprang rückwärts.
„AUGEN!“
Leia leuchtete genauer hin.
„Das sind zwei Pilze.“
„Diese Welt macht mich fertig.“
Leia betrachtete den Bachlauf aufmerksam.
Dann folgte sie mit dem Licht dem Verlauf der Brühe.
Der Bach verschwand direkt unter der gewaltigen Burgmauer.
Zwischen dicken Eisenstreben.
Fynn verstand sofort.
„Das ist eine Entsorgung.“
„Ein Abwasserkanal“, sagte Marie.
„Ein widerlicher Abwasserkanal“, ergänzte Luke.
Alle sahen gleichzeitig auf die Öffnung unter der Mauer. Dann sahen sie sich gegenseitig an.
„Nein“, sagte Luke sofort.
„Doch“, sagte Leia.
„NEIN.“
„Doch.“
Luke zeigte entsetzt auf die Brühe.
„Da schwimmt etwas mit Zähnen!“
„Das war ein Ast.“
„Ein aggressiver Ast!“
Die vier Luumen diskutierten bereits hektisch miteinander. Ihre kleinen Hände bewegten sich blitzschnell.
Schließlich nickten sie entschlossen.
Einer zeigte eindeutig auf den Kanal.
Das war der Weg.
Luke ließ dramatisch den Kopf hängen.
„Na super. Wir retten eine Prinzessin und sterben in Kackesuppe.“
Trotzdem begannen sie zuerst, einige Dinge aus dem Wasser zu sammeln. Leia hatte sofort diesen konzentrierten Blick, den sie immer bekam, wenn sie Dinge plante.
„Wir könnten später Werkzeuge brauchen.“
„Oder Impfungen“, murmelte Luke.
Leia entdeckte mehrere stabile Metallhaken.
Marie zog eine halb kaputte Tasche aus dem Schlamm.
Fynn fand ein langes Stück rostigen Drahts.
Und Luke…
Luke zog triumphierend etwas aus der Brühe.
„ICH HAB EINEN HELM!“
Der rostige Gegenstand zerfiel sofort in zwei Teile.
Luke starrte auf die Reste.
„Okay“, sagte er traurig. „Ich hatte kurz einen Helm.“
Marie musste lachen.
Leia packte die brauchbaren Gegenstände sorgfältig ein.
„Das könnte später nützlich werden.“
„Das hast du schon oft gesagt“, meinte Fynn.
„Und meistens hatte sie recht“, sagte Marie.
„Leider“, ergänzte Luke.
Dann blieb ihnen keine Wahl mehr.
Sie stiegen in den Bachlauf. Sofort erklang ein gemeinsames:
„UAAAAAH!“
Das Wasser war eiskalt. Und es war schleimig. Und vermutlich teilweise lebendig. Fynn trat auf etwas Weiches. Es quietschte.
Er sprang sofort weiter.
„Ich will gar nicht wissen, was das war!“
„Vielleicht war es nur ein Pilz“, meinte Marie.
Aus dem Wasser erklang erneut ein beleidigtes Quieken.
„Das war KEIN Pilz!“
Die Reisenden bewegten sich langsam gegen die Strömung vorwärts. Über ihnen verlief die massive Burgmauer. Je weiter sie hineingingen, desto dunkler wurde es. Das Licht der Kristalllampe spiegelte sich schwach an den nassen Steinen. Der Tunnel wurde enger und niedriger. Teilweise mussten sie kriechen. Das stinkende Wasser reichte ihnen dabei bis zu den Knien.
Luke jammerte inzwischen dauerhaft.
„Meine Füße lösen sich auf.“
„Noch nicht“, sagte Leia.
„Woher weißt du das?“
„Weil du noch gehen kannst.“
Immer wieder platschte irgendwo etwas im Wasser. Manchmal direkt neben ihnen. Manchmal weit vorne im Dunkeln. Einmal hörten sie sogar ein tiefes Knurren.
Alle erstarrten. Das Geräusch kam näher.
Luke klammerte sich sofort an Fynn.
„Wenn das ein Kanalmonster ist, kündige ich.“
Dann kroch plötzlich ein kleines Wesen aus einem Rohr. Es hatte drei Augen. Vier Schwänze. Und einen Schnurrbart.
Das Tier sah sie kurz empört an und verschwand wieder.
Luke atmete aus.
„Gut.“
Das Wesen kam plötzlich zurück und biss ihm direkt in den Schuh.
„NICHT GUT!“
Luke begann panisch herumzuzappeln.
Schwarze Brühe spritzte durch den gesamten Tunnel.
Fynn bekam einen Schwall mitten ins Gesicht.
„LUKE!“
„ES HAT MICH ANGEGRIFFEN!“
„Das war ein Fisch!“
„EIN BÖSER FISCH!“
Die Luumen mussten sich inzwischen die Münder zuhalten, damit sie nicht laut loslachten.
Selbst Leia grinste kurz.
Doch plötzlich hörten sie Stimmen. Ganz nah. Alle verstummten sofort. Über ihnen erklangen schwere Schritte.
Gorm-Wachen.
Dumpfe Stimmen hallten durch die Rohre.
„Habt ihr das gehört?“ murmelte einer.
Luke erstarrte. Ein Tropfen schwarzer Brühe fiel ihm von der Nase.
Plopp.
Dann kratzte plötzlich etwas an den Eisenstreben vor ihnen.
Fynn hob langsam den Kopf. Über ihnen bewegte sich ein Schatten. Eine Wache leuchtete mit einer Fackel in den Kanal.
Das Licht kam näher. Immer näher.
Leia bedeckte blitzschnell ihre Kristalllampe.
Sofort verschluckte sie völlige Dunkelheit.
Fynn hörte nur noch Atem. Und das Tropfen von Wasser.
Die Fackel über ihnen blieb stehen. Sekunden vergingen.
Dann nieste Luke. Zum Glück extrem leise. Es klang wie ein sterbendes Meerschweinchen.
Die Wache schwieg kurz. Dann lachte sie plötzlich.
„Bestimmt wieder diese Kanalratten.“
Schritte entfernten sich. Erleichtertes Ausatmen.
„Ich wäre fast gestorben“, flüsterte Luke.
„Wir alle“, sagte Leia.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde der Tunnel endlich breiter.
Frische Luft strömte herein und vor ihnen schimmerte Licht.
Nicht nur das blasse Blau der Kristalllampe. Vorsichtig krochen sie weiter.
Dann erreichten sie das Innere der Burg. Sie befanden sich unter einem steinernen Gitter mitten in einer engen Seitengasse. Über ihnen hörten sie Stimmen. Schritte. Musik. Lachen. Marktschreier.
Der Geruch von Gewürzen und gebratenem Essen verdrängte langsam den Kanalgestank.
Leia spähte vorsichtig hinaus.
„Wir sind drin.“
Nacheinander kletterten alle aus dem stinkenden Wasser.
Luke legte sich erschöpft auf das Pflaster.
„Ich rieche meinen eigenen Tod.“
Marie verzog das Gesicht.
„Du riechst hauptsächlich den Kanal.“
„Das meinte ich.“
Sie schlichen vorsichtig durch mehrere enge Gassen. Die Häuser ragten dicht über ihnen auf. Zwischen den Fenstern hingen Lampen und seltsame Knochenketten. Aus manchen Gebäuden drangen Stimmen. Aus anderen Hammerschläge. Einmal mussten sie sich blitzschnell hinter Fässern verstecken, als zwei bewaffnete Gorms vorbeigingen.
Einer der Gorms schnupperte plötzlich.
„Riechst du das?“
Luke wurde kreidebleich.
Der zweite Gorm nickte.
„Ja. Kanal.“ Beide gingen angewidert weiter.
Luke grinste stolz.
„Seht ihr? Tarnung.“
Dann öffnete sich plötzlich vor ihnen ein riesiger Platz.
Der Gorm-Markt.
Fynn blieb überrascht stehen.
„Damit habe ich nicht gerechnet.“
Überall brannten Lampen.
Zwischen den Häusern spannten sich bunte Stoffbahnen.
Menschenmengen drängten sich zwischen den Ständen hindurch.
Es gab dampfendes Essen. Seltsame Werkzeuge. Leuchtende Pilze.
Käfige mit exotischen Tieren. Fliegende Fische in Wasserblasen. Kleine mechanische Käfer.
Und nicht nur Gorms liefen über den Platz. Da waren kleine Wüstenwesen mit langen Hälsen. Große pelzige Händler. Hochgewachsene Gestalten mit goldenen Masken.
Sogar zwei Hohlbeine standen an einem Stand und tauschten schweigend Waren aus.
„Multikulturell“, murmelte Leia erstaunt.
„Offenbar kommen hier Wesen aus ganz Gormien zusammen.“
Die Menschenmenge war dicht genug, dass die Gruppe kaum auffiel. Trotzdem betrachtete Leia kritisch ihre Kleidung.
„Wir sehen nicht aus wie die von hier.“
Luke blickte an sich herunter.
„Vor allem riechen wir wie ein Unfall.“
„Wir brauchen Tarnung.“
Zum Glück fanden sie schnell einen Kleiderstand.
Dort hingen typische Gorm-Kinderkleider:
„Und wie bezahlen wir?“ fragte Fynn.
Leia sah kurz zum Händler. Dann zu Marie. Dann zu Luke.
Luke grinste sofort.
„Ohhh. Schlechte Idee erkannt.“
Während Leia den Händler mit komplizierten Fragen über Stoffarten ablenkte und Marie hektisch begann, Zeichnungen von angeblich gefährlichen Kanalratten zu zeigen, schlich Luke hinter den Stand. Dabei stieß er fast eine ganze Kiste um.
„Vorsicht!“ zischte Fynn.
Luke fing die Kiste gerade noch auf.
Sekunden später tauchte er wieder auf.
Mit einem Arm voller Kleidung.
„Ich bin wie der Wind.“
„Du bist wie ein sehr lauter Kühlschrank“, sagte Fynn.
Trotzdem funktionierte es.
Wenig später sahen sie tatsächlich fast aus wie junge Bewohner der Burgstadt.
Leia versteckte zusätzlich ihre Implantate unter einer dunklen Kapuze. Dann machten sie sich auf den Weg zum Zentrum.
Und dort ragte der große Gorm-Palast empor.
Noch größer als alles andere.
Die Türme verschwanden beinahe im Nachthimmel.
Zwischen den Fenstern brannten rote Feuer.
Dunkle Banner flatterten im Wind.
Vor dem Eingang standen schwer bewaffnete Wachen.
Doppelte Reihen.
Lange Speere.
Schwere Rüstungen.
Und riesige wolfsähnliche Tiere an Ketten.
Fynn schluckte.
„Und da drin lebt der Herrscher?“
Leia nickte langsam.
Irgendwo hinter diesen Mauern war Prinzessin Aurea gefangen.
Und zum ersten Mal wurde allen klar, wie gefährlich ihre Mission wirklich war.
