Kapitel 6 – Der Steinwerfer
Das Wesen auf der Mauer bewegte sich langsam.
Als hätte es alle Zeit der Welt.
Fynn spürte sofort dieses unangenehme Ziehen im Bauch.
Das gleiche Gefühl wie kurz vor einer Klassenarbeit.
Nur dass Klassenarbeiten normalerweise niemanden fraßen.
„Warum starrt es uns so an?“, flüsterte Marie.
Leia kniff die Augen zusammen.
Ihre Implantate summten leise.
„Weil es uns gesehen hat.“
„Das war die schlechteste Antwort, die ich heute hören konnte“, murmelte Luke.
Der schwarze Schatten oben auf der Burg richtete sich plötzlich vollständig auf.
Und erst jetzt begriffen sie, wie riesig das Ding wirklich war. Es war mindestens drei Meter groß. Breite Schultern. Lange Arme.
Der Körper wirkte, als wäre er direkt aus Fels gehauen worden.
Graue Steinplatten lagen wie Haut über seinen Muskeln.
Und dort, wo Augen sein sollten, glühten zwei kleine rote Punkte.
„Was IST das?!“, fragte Marie.
Einer der Luumen antwortete sofort:
„Steinwerfer.“
Selbst die Luumen klangen jetzt nervös. Das war neu.
„Toller Name“, sagte Luke. „Immer beruhigend, wenn Monster exakt nach ihrer Mordmethode benannt werden.“
Der Steinwerfer verschwand plötzlich hinter der Mauer. Für einen Moment war alles still.
Leia hob sofort die Hand.
„Runter!“
Alle warfen sich gleichzeitig zu Boden.
WUUUUUMMMS.
Etwas raste über sie hinweg.
Ein Felsbrocken so groß wie ein Kühlschrank krachte hinter ihnen in den Boden.
Er explodierte regelrecht. Steinsplitter flogen durch die Luft. Ein Baum zerbarst mit einem lauten KNACK.
Luke hob langsam den Kopf. „Okay.“ Er schluckte. „Das war SEHR nah.“
Ein zweiter Brocken kam geflogen. Diesmal direkt auf sie zu.
Fynn packte Marie am Arm und riss sie zur Seite.
Der Stein schlug genau dort ein, wo sie eben noch gestanden hatte.
BOOOOM. Asche und Erde schossen hoch.
„LAUFEN!“, schrie Leia.
Und diesmal diskutierte niemand.bSie rannten los. Hinter ihnen heulte wieder etwas durch die Luft.
WUMM.
WUMM.
WUMM.
Die Einschläge kamen immer näher.
Der Steinwerfer warf die Felsen nicht einfach.
Er schleuderte sie mit einer absurden Geschwindigkeit.
„WARUM KANN DAS DING ZIELEN?!“, brüllte Luke.
„WEIL ES AUGEN HAT!“, rief Marie zurück.
„DAS FINDE ICH NICHT RICHTIG!“
Ein Brocken krachte direkt vor Luke auf den Boden.
Er stolperte und ruderte wild mit den Armen.
Dann landete er rücklings auf einem Abhang.
„Aaaahhhhhh!“
Er rutschte sofort den Hang hinunter. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit.
„Luke!“, rief Fynn.
Luke raste zwischen Felsen hindurch. Seine riesige Ozwei-Maske flatterte im Wind.
„ICH HABE KEINE KONTROLLE ÜBER MEIN LEBEN!“
Dann verschwand er hinter einem Felsen. Man hörte nur noch:
RUMMS.
„Aua.“
Die anderen erreichten ihn Sekunden später. Luke lag halb in einem Busch. Verdreht. Mit einem Ast im Ärmel.
„Ich lebe noch“, murmelte er.
Wieder kam dieses Heulen.
Leia sah nach oben.
„DECKUNG!“
Der nächste Felsbrocken krachte genau auf den Busch.
Allerdings lag Luke inzwischen nicht mehr dort.
Der Busch dagegen schon. Er existierte danach nur noch sehr theoretisch.
Die Luumen sprangen hektisch zwischen den Steinen herum. Einer zeigte plötzlich nach rechts. Dort führte ein schmaler Pfad näher an den Berg heran.
„Da lang!“, rief Fynn.
Sie rannten weiter. Der Wind wurde stärker. Asche wirbelte durch die Luft. Und irgendwo über ihnen bewegte sich der Steinwerfer nun selbst den Hang hinunter.
Langsam und sehr schwerfällig, aber erschreckend schnell für etwas, das aussah wie ein laufender Felsen.
BOOOM.
Ein weiterer Stein schlug neben ihnen ein. Marie schrie erschrocken auf.
„Der hört nie auf!“
Leia blickte hektisch umher. Dann sah sie etwas.Da war ein riesiger Felsvorsprung direkt oberhalb des Pfades. Und darunter eine matschige graue Fläche.
„Luke!“, rief sie plötzlich. „Kannst du noch werfen?“
Luke blinzelte.
„Entschuldigung?!“
„Deine Wurfkraft! Schnell!“
„Ich wurde in der Schule einmal Zweiter beim Brennball.“
Leia zeigte auf einen herumliegenden runden Stein.
„Perfekt. Nimm den.“
Luke hob den Stein hoch.
„Der wiegt ungefähr so viel wie ein Kleinwagen.“
„Du schaffst das.“
„Wow.“
Luke sah gerührt aus.
„Das war das erste nette—“
„Sonst sterben wir.“
„Ah.“
Der Steinwerfer kam näher.
Jetzt konnten sie sein Gesicht erkennen. Oder das, was sein Gesicht sein sollte. Es bestand fast nur aus Felsplatten und einem riesigen Maul. Er hob bereits den nächsten Brocken.
Leia zeigte auf den Felsvorsprung.
„Da oben! Versuch den lockeren Stein zu treffen!“
Luke sah nach oben. Dann auf seinen Stein. Dann wieder nach oben. „Das klappt niemals.“
Der Steinwerfer brüllte plötzlich. Es klang wie ein Erdbeben mit Halsschmerzen.
„JETZT!“, schrie Leia.
Luke holte aus. Rutschte dabei fast weg. Drehte sich einmal komplett im Kreis. Und ließ den Stein versehentlich genau in die falsche Richtung fliegen.
Alle starrten entsetzt hinterher.
Der Stein prallte gegen einen kleinen Felsen.
Von dort gegen einen zweiten. Dann gegen einen dritten.
Und schließlich exakt gegen den lockeren Vorsprung. Für einen winzigen Moment passierte nichts. Dann knackte der Fels.
Langsam.
Luke blinzelte.
„…huch.“
Der gesamte Vorsprung brach plötzlich ab.
TONNEN von Geröll donnerten den Hang hinunter.
Direkt auf den Steinwerfer. Das Wesen sah noch kurz nach oben.
Dann machte es:
„GROOOAA—“
RUMMS.
Eine gigantische Staubwolke schoss hoch.nDer Boden bebte.
Stille.
Alle starrten auf den Geröllhaufen.mDann hob Luke langsam die Arme.
„ICH BIN EINE KRIEGSMASCHINE!“
Marie lachte sofort los.
Selbst einige Luumen jubelten.
Leia schüttelte nur den Kopf.
„Du hast das komplett aus Versehen gemacht.“
„Genie und Zufall liegen dicht beieinander.“
Sie zogen weiter.
Aber der Himmel hatte sich verändert. Dunkle, fast schwarze Wolken krochen über die Berge. Der Wind wurde plötzlich eisig.
Fynn fröstelte.
„Vorhin war es noch warm.“
Ein Luum blickte nervös nach oben.
Seine Fellspitzen wurden silbern.
Dann hörten sie ein fernes Grollen.
Nicht aus den Bergen. Vom Himmel.
„Gewitter“, sagte Leia.
Doch es klang nicht wie ein normales Gewitter. Es klang viel schlimmer.
Dann fiel der erste Hagelbrocken.
KLONK.
Direkt neben Luke. Er starrte darauf hinunter. Das Ding war fast so groß wie ein Tennisball.
„Nein.“
KLONK.
KLONK.
KLONK.
Plötzlich prasselte der Hagel vom Himmel. Die Brocken schlugen in den Boden ein wie kleine Meteoriten.
„LAUFEN!“, schrie Fynn. Wieder.
Sie rannten einen felsigen Hang hinauf. Der Sturm brach jetzt völlig los. Eisiger Wind peitschte ihnen entgegen. Hagel schlug gegen Felsen. Überall krachte und splitterte es.
Luke bekam einen Brocken gegen die Maske.
PONG.
„Meine Nase lebt nur noch wegen Salattechnik!“
Marie duckte sich unter einem Hagelkorn weg.
„Da vorne!“
Zwischen den Felsen lag eine dunkle Öffnung.nEine Höhle. Sie stürzten hinein. Drinnen war es dunkel.
Und plötzlich unheimlich still.
Nur draußen tobte der Sturm weiter. Der Hagel hämmerte gegen die Felsen.
Luke keuchte.
„Ich möchte festhalten, dass Gormien wettertechnisch eine Vollkatastrophe ist.“
Die Luumen sammelten trockenes Holz aus der Höhle.
Zumindest dachten sie, es wäre Holz. Fynn half sofort. Wenig später flackerte ein Feuer. Oranges Licht tanzte über die Wände.
Langsam wurde ihnen wärmer. Marie streckte die Hände aus.
„Okay… das ist besser.“
Doch Leia sah plötzlich irritiert ins Feuer. Sehr irritiert.
Sie stand langsam auf. Nahm eines der „Holzstücke“ heraus.
Und erstarrte.
„Ähm…“
Fynn sah sie an.
„Was?“
Leia drehte den Gegenstand langsam um. Es war kein Holz.
Es war ein Knochen. Ein langer, hohler Knochen. Mit seltsamen eingeritzten Zeichen.
Marie wurde blass.
„Bitte sag mir, dass das kein Knochen ist.“
Leia schluckte.
„Das… sind Hohlbeine.“
Die Luumen wurden sofort still. Einer ließ sogar erschrocken einen weiteren Knochen fallen. Luke sah ins Feuer. Dann auf den Knochen. Dann wieder ins Feuer.
„Wir sitzen also in einer gruseligen Höhle…“
Er zeigte langsam auf die Flammen.
„…und verbrennen gerade tote Höhlenwesen?“
Ein dumpfes Geräusch erklang plötzlich tief hinten aus der Dunkelheit der Höhle.
TOK.
TOK.
TOK.
Niemand bewegte sich mehr. Dann kam das Geräusch wieder. Näher diesmal.
TOK.
TOK.
TOK.
