Der Rauch der Berge
Der Wald wurde langsam dünner.
Nicht so, dass man einfach sagen konnte: „Da vorne endet er.“
Es war eher, als würde der Wald selbst Angst bekommen und sich Stück für Stück zurückziehen.
Die Bäume standen weiter auseinander. Die Äste wirkten knochiger. Das Moos am Boden wurde grau.
Und irgendwo weit vorne lag etwas Dunkles in der Luft.
Etwas, das aussah wie Nebel.
Aber keiner war.
„Ich mag das nicht“, murmelte Marie und zog ihr iPad enger an sich.
„Du magst auch keine Keller, Spinnen oder den Geruch von nassen Turnschuhen“, sagte Luke.
„Niemand mag den Geruch von nassen Turnschuhen.“
„Meine Nase schon“, sagte Luke traurig. „Die hat sich inzwischen daran gewöhnt.“
Einer der Luumen sprang auf einen niedrigen Ast und hob die Hand. Sofort blieben alle stehen. Selbst Luke.
Und das war ungefähr so ungewöhnlich wie ein leiser Staubsauger.
Vor ihnen knackte etwas.
Fynn spürte sofort, wie sich alles in ihm anspannte.
Die Luumen duckten sich gleichzeitig.
Ihre Fellspitzen wurden dunkelblau.
„Das bedeutet nichts Gutes, oder?“, flüsterte Marie.
Leia schüttelte leicht den Kopf.
„Eher gar nichts Gutes.“
Dann kam das Geräusch wieder.
KRRAK.
Irgendetwas bewegte sich zwischen den Bäumen.
Luke griff nach einem Stock.
„Wenn das ein Monster ist, will ich festhalten, dass ich mutig war.“
„Du hältst den Ast falsch herum“, sagte Leia trocken.
Luke sah auf den Stock.
„Ah.“ Er drehte ihn um. „Jetzt bin ich bereit.“
Plötzlich schoss etwas Riesiges aus dem Gebüsch.
Marie schrie.
Luke schrie.
Ein Luum fiel vor Schreck rückwärts vom Baum.
Und mitten auf den Weg sprang…
ein riesiges, zotteliges Tier mit krummen Hörnern und viel zu kleinen Augen.
Es blieb stehen.
Kaute.
Starrte sie an.
„Das… ist eine Ziege“, sagte Fynn.
Das Tier machte: „MÄÄÄH.“
Luke hielt sich die Brust. „Ich bin gerade innerlich gestorben.“
Einer der Luumen fauchte die Ziege wütend an.
Die Ziege kaute weiter. Dann fraß sie plötzlich einen der kleinen Beutel, die am Gürtel des Luumen hingen. Der Luum kreischte entsetzt. „RROAAH-TIKK!“
„Ich glaube, das war wichtig“, sagte Marie.
Die Ziege sprang davon. Der Luum hinterher. Sofort rannten zwei weitere Luumen ebenfalls los. Man hörte wildes Gemecker. Dann einen Schrei. Dann noch mehr Gemecker.
Dann kam der erste Luum zurück. Ohne Beutel. Aber mit einem riesigen Blatt auf dem Kopf.
Luke zeigte auf ihn. „Er sieht aus wie ein trauriger Salat.“
Der Luum warf Luke einen Blick zu, der vermutlich „Ich verfluche deine Nachkommen“ bedeutete.
Einige der anderen Luumen kicherten.
„Warum lachen die?“, fragte Marie.
Der Luum schimpfte sofort etwas in seiner Sprache.
„Rrak-tik! Frruuma!“
Einer der älteren Luumen antwortete grinsend und deutete auf das Blatt.
Leia beobachtete die Gesten.
„Ich glaube, sie machen sich über ihn lustig.“
„Warum?“, fragte Fynn.
Der ältere Luum tippte sich auf den Kopf und erklärte in seiner holprigen Menschensprache:
„Blatt der Schande.“
Luke begann sofort zu grinsen. „Bitte was?“
Der Luum mit dem Blatt verschränkte beleidigt die Arme.
Der ältere Luum zeigte in die Richtung, in die die Ziege verschwunden war.
„Wer von Bergziege bestohlen wird, muss Blatt tragen.“
„Das ist eine echte Regel?“, fragte Marie verblüfft.
Mehrere Luumen nickten.
„Sehr alte Regel“, erklärte der ältere Luum stolz. „Seit vielen Generationen.“
„Moment mal“, sagte Luke. „Wenn euch eine Ziege beklaut, müsst ihr mit Salat auf dem Kopf herumlaufen?“
„Nicht Salat“, korrigierte der Luum empört. „Ehrenblatt.“
„Sieht trotzdem aus wie Salat.“
Der Luum funkelte ihn an.
Leia musste sich ein Lachen verkneifen.
„Warum macht ihr das überhaupt?“
Der ältere Luum zuckte mit den Schultern.
„Damit man besser auf Beutel aufpasst.“
„Und funktioniert das?“
Der Luum dachte kurz nach.
„Nein.“
„Fantastische Tradition“, sagte Luke.
Die Luumen lachten erneut.
Der beschämte Luum zog das Blatt tiefer ins Gesicht und stapfte beleidigt weiter.
„Wie lange muss er das tragen?“, fragte Fynn.
„Bis Sonnenuntergang.“
„Das ist hart.“
„Nein“, sagte der ältere Luum. „Hart ist zwei Blätter.“
Sofort brachen die anderen Luumen wieder in Gelächter aus.
Der Luum mit dem Ehrenblatt stöhnte nur und marschierte schneller voraus, während Luke ihm hinterherrief:
„Kopf hoch, Salatkönig!“
Der Luum hob eine Faust, ohne sich umzudrehen.
„Jetzt mag ich diese Tradition“, sagte Luke zufrieden.
Sie gingen weiter. Und je näher sie dem Waldrand kamen, desto deutlicher konnten sie die Berge sehen. Sie waren gigantisch. So, als hätten sie sich zu weit in den Himmel geschoben. Dunkle Felsen ragten wie Zähne nach oben. Zwischen ihnen glühte rotes Licht. Und überall kroch Rauch aus Rissen und Spalten.
Der Rauch floss tatsächlich den Berg hinunter.
Langsam, wie graues Wasser.
Marie blieb stehen.
„Das… das bewegt sich wirklich.“
Leia nickte. Sie hatte die Stirn gerunzelt.
„Der Rauch ist schwerer als normale Luft.“
„Natürlich ist er das“, sagte Luke. „In Gormien kann selbst Nebel nicht normal sein.“
Dann sahen sie die Burg. Alle blieben wie angewurzelt stehen.
Sie war direkt in den Fels gebaut. Nicht auf dem Berg. In den Berg.
Dunkle Türme ragten aus der Steinwand heraus. Brücken führten über tiefe Schluchten. Und hoch oben glühten winzige rote Punkte wie Augen.
„Das ist unmöglich“, flüsterte Marie.
Fynn bekam eine Gänsehaut.
Die Burg sah nicht aus wie ein Ort, an dem Menschen lebten.
Sie sah aus wie etwas, das wartete.
„Die Gorms“, sagte Leia leise.
Einer der Luumen nickte langsam. Seine Fellspitzen wurden grau.
Dann hustete plötzlich einer der kleineren Luumen.
Er taumelte leicht.
Leia reagierte sofort. „Der Rauch.“
Sie roch ihn jetzt auch.
Irgendwie war er metallisch.
Die Luumen begannen hektisch miteinander zu reden.
Sie sprangen von Baum zu Baum und sammelten große silbergrüne Blätter ein.
Luke beobachtete das skeptisch.
„Bitte sagt mir, dass das keine Salatmedizin wird.“
Ein Luum stopfte die Blätter in eine Art geflochtene Röhre.
Ein anderer knotete dünne Pflanzenfasern darum.
Ein dritter pustete hinein.
Die Blätter leuchteten plötzlich schwach blau.
Leia trat näher. Sofort interessiert.
„Die produzieren Sauerstoff“, sagte sie überrascht.
„Die Blätter?“ Sie nahm vorsichtig eines.
„Das ist biologisch eigentlich komplett verrückt.“
Der Luum nickte stolz. „Ozwei.“
„Ozwei?“, fragte Luke.
„Klingt wie eine billige Limo.“
Die Luumen begannen, sich die Konstruktionen vors Gesicht zu binden. Die Röhren führten unter die Masken.
„Das sind Atemfilter“, sagte Leia. „Improvisierte Sauerstoffsysteme.“
Dann sah einer der Luumen plötzlich Luke an.
Genauer gesagt: seine Brust.
„Was?“, fragte Luke. „Warum schaut er mich an, als wäre ich gleich kaputt?“
Leia antwortete trocken:
„Weil du Asthma hast.“
„Ach ja.“
Luke nickte langsam. „Stimmt. Mein Körper ist manchmal ein Verräter.“
Sofort bastelten die Luumen hektisch eine größere Maske.
Als sie Luke das Ding aufsetzten, sah er aus wie eine Mischung aus Ritterhelm, Gemüsekorb und Staubsauger.
Marie brach sofort in Gelächter aus. Fynn gleich danach.
Luke hob beleidigt die Arme. „Das ist nicht lustig.“
Die Maske machte dabei ein lautes:
„PFWOOOSH.“
Alle erstarrten. Dann machte die Maske erneut:
„PFWOOOOSH.“
Ein kleiner Ozwei-Blattfetzen schoss Luke direkt aus dem Schlauch ins Gesicht.
„ICH WERDE VON SALAT ANGEGRIFFEN!“
Sogar Leia musste lachen.
Einer der Luumen zog hektisch an einem Knoten.
Die Maske quietschte. Dann blies sie plötzlich nach innen.
Luke bekam riesige Augen. „Sie frisst mich!“
Er ruderte panisch mit den Armen herum, stolperte rückwärts gegen einen Baum und rutschte langsam daran herunter.
„Ist er tot?“, fragte Marie grinsend.
„Noch nicht“, murmelte Luke unter der Maske.
„Aber ich sehe bereits Tunnel und traurige Kartoffeln.“
Leia überprüfte die Konstruktion. „Jetzt müsste es funktionieren.“
Luke atmete vorsichtig ein. Dann noch einmal.
„Oh.“ Er blinzelte überrascht. „Das ist… tatsächlich ziemlich gut.“
Einer der Luumen klopfte stolz auf die Maske.
In genau diesem Moment platzte irgendwo ein Blattbehälter.
PFFFFT.
Eine Wolke aus Pflanzenstaub explodierte Luke direkt ins Gesicht.
Er nieste so heftig, dass zwei Vögel erschrocken aus einem Baum schossen. „Ich hasse Wissenschaft.“
Die Gruppe zog weiter. Der Wald hinter ihnen wurde dunkler.
Vor ihnen lagen nur noch wenige Bäume. Dahinter sah man die Berge. Der Boden war inzwischen voller grauer Asche. Der Rauch kroch langsam zwischen den Felsen entlang.
Und die Burg wurde immer größer.
Fynn konnte jetzt Mauern erkennen, Türme und schmale Fenster.
Und ganz oben bewegten sich kleine schwarze Punkte. Wachen.
Ein kalter Wind kam aus den Bergen. Er roch nach Feuer und Stein.
Die Luumen rückten näher zusammen. Selbst sie wirkten jetzt still.
Keine Witze mehr. Kein wildes Klettern. Nur gespannte Blicke.
Dann traten sie endgültig aus dem Wald heraus.
Und plötzlich lag das gesamte Gebirge direkt vor ihnen.
Es war einfach riesig.
Der Rauch floss wie Flüsse die Hänge hinunter. Rote Glut blitzte tief zwischen den Felsen auf.
Und hoch oben thronte die schwarze Burg der Gorms im Stein wie ein gewaltiges Auge. Luke sah hinauf. Sehr lange.
Dann sagte er leise:
„Also… das ist offiziell der schlimmste Urlaub meines Lebens.“
Hinter den Mauern der Burg erklang plötzlich ein dumpfes Horn.
TIIIIIIIIIH.
Die Luumen erstarrten.
Leia langsam ebenfalls.
„Ähm“, sagte Marie nervös. „War das vielleicht ein Zufall?“
Niemand antwortete.
Denn hoch oben auf der Burgmauer bewegte sich etwas.
Etwas Großes.
Und es blickte direkt zu ihnen herunter.
