Das Feuer der Erinnerung
„Manchmal sucht man Glück wie einen Schatz und merkt erst viel später, dass es längst neben einem sitzt.“
Die Nacht über der Burgstadt war ungewöhnlich still. Kein Gebrüll. Keine Kriegstrommeln. Keine Wachen, die mit Speeren durch die Gänge rannten.Nur der Wind, der sanft um die Zinnen heulte. Und irgendwo weit oben knackte ein Feuer.
Fynn saß auf einer niedrigen Steinmauer im Innenhof des Palastes und starrte in den Himmel.
„Das ist irgendwie komisch“, murmelte er.
„Was?“ fragte Leia. Sie saß neben ihm und hatte die Beine angezogen. Ihre Implantate glänzten schwach im Licht der Fackeln.
„Dass wir nicht mehr wegrennen.“ Leia nickte langsam. „Ja.“
Luke kam plötzlich rückwärts aus einer Tür gestolpert.
Direkt hinter ihm stand ein riesiger Gorm mit verschränkten Armen. „Nochmal!“, brüllte der Gorm. „Ich BIN nochmal!“, keuchte Luke. Dann stolperte er gegen einen Eimer und fiel rücklings hinein.
Der Gorm schwieg kurz. Dann lachte er so laut, dass die Fenster bebten. Und plötzlich lachten überall andere Gorms mit. Nicht böse und nicht gemein. Einfach ehrlich.
Fynn sah zu Leia.
„Ich glaube, wir lagen komplett falsch.“
Leia zog eine Augenbraue hoch. „Das passiert dir öfter, als du denkst.“ „Danke.“ „Gern.“
Im großen Saal des Palastes brannten an diesem Abend dutzende Feuerstellen. Es roch nach gebratenem Fleisch, Kräutern und warmem Stein. Die Kinder saßen gemeinsam mit den Gorms an langen Tischen. Und niemand schrie.
Niemand drohte ihnen. Im Gegenteil.
Die Gorms rückten zusammen, damit die Kinder Platz hatten.
Ein alter Gorm brachte Marie sogar eine Schüssel mit leuchtenden Pilzen.
„Für die Malerin“, sagte er ernst.bMarie grinste.b„Danke.“
Dann zog sie sofort ihr iPad hervor.
Sie hatte inzwischen fast den gesamten Speicher mit Zeichnungen gefüllt.
Luumen.
Wälder.
Die Höhlenstadt.
Die riesigen Hallen der Gorms.
Und inzwischen auch dutzende Bilder von Gorm-Gesichtern.
Sie hatte angefangen, kleine Bewegungsstudien zu machen.
Wie Gorms lachten. Wie sie aßen. Wie sie sich begrüßten.
Denn sie hatte etwas Merkwürdiges entdeckt.
Die Gorms wirkten furchterregend. Aber sie behandelten einander unglaublich vorsichtig.
Ein riesiger Gorm trug gerade einen schlafenden kleinen Gorm auf dem Arm, als wäre er aus Glas. Ein anderer nähte einem verletzten Freund den Ärmel zusammen. Zwei Gorms diskutierten lautstark darüber, welcher Tee besser gegen Bauchschmerzen half.
Marie zeichnete alles. Immer schneller. Immer begeisterter.
Neben ihr saß ein kleiner Luum namens Pem. Pem war völlig fasziniert vom iPad.
„Es leuchtet!“ „Ja.“ „Und die Bilder bewegen sich!“ „Nur manchmal.“
Pem tippte vorsichtig mit einem Finger gegen den Bildschirm.
„Ist da ein Geist drin?“ Marie lachte. „Nein.“
Pem dachte nach. „Vielleicht ein sehr kleiner Maler?“
„Das wäre ziemlich praktisch.“ Pem setzte sich direkt neben sie.
Dann beobachtete er jede einzelne Bewegung ihres Stiftes.
Marie öffnete eine neue Datei. „Pass auf.“
Sie begann zu zeichnen. Erst grob. Dann immer genauer. Pem.
Mit riesigen Augen. Leuchtenden Fellspitzen.
Und einem völlig übertriebenen Gesichtsausdruck.
Pem schnappte nach Luft. „DAS BIN JA ICH!“ „Fast.“
„Ich sehe viel heldenhafter aus.“ „Das liegt an der künstlerischen Freiheit.“
Pem sprang begeistert auf den Tisch.
„ICH WURDE GEMALT!“
Mehrere Gorms applaudierten. Einer weinte sogar ein bisschen.
Luke deutete auf ihn. „Warum heult der denn jetzt?“
„Kunst“, sagte Leia trocken.
Am anderen Ende des Saales saß Prinzessin Aurea.
Und neben ihr der Anführer der Gorms. Grath.
Der gewaltige Gorm wirkte plötzlich gar nicht mehr bedrohlich.
Eher… nervös. Immer wenn Aurea ihn ansah, wurde er still.
Und wenn sie lächelte, leuchteten seine Augen wie Feuer.
Fynn bemerkte es sofort.
„Oh nein.“
Leia sah auf.
„Was?“
„Der ist verliebt.“
Leia beobachtete die beiden kurz. Dann nickte sie. „Sehr sogar.“
In diesem Moment wollte Grath offenbar besonders würdevoll aussehen.
Er richtete sich auf. Legte eine Hand auf die Brust. Und wollte vermutlich etwas Eindrucksvolles sagen.
Stattdessen blieb sein Gürtel an einem Hocker hängen. Der Hocker flog quer durch den Saal. Ein Topf kippte um.
Irgendwo schrie jemand:
„MEINE SUPPE!“
Grath erstarrte. Der ganze Saal wurde still.
Dann begann Aurea plötzlich laut zu lachen.
Und nach wenigen Sekunden lachten alle anderen ebenfalls.
Selbst Grath.
Später in der Nacht versammelten sich viele Gorms im Innenhof.
Ein großes Feuer brannte. Funken stiegen in den Himmel. Die Kinder saßen gemeinsam mit Aurea auf dicken Fellen.
Der Wind war kalt geworden.
„Wir müssen euch etwas sagen“, begann Aurea.
Sofort wurde es still. Selbst die Gorms hörten aufmerksam zu.
Aurea stand auf. Das Feuer spiegelte sich in ihren goldenen Haaren.
„Die Gorms suchen seit vielen Jahren nach der Formel des Glücks.“
Mehrere Gorms nickten langsam.
„Sie glaubten, irgendwo müsse ein Geheimnis verborgen sein.“
Grath sah zu Boden.
„Ein Zauber, eine Macht, ein Wissen.“
Aurea lächelte sanft.
„Aber Glück funktioniert nicht so.“
Die Gorms schauten sie an. Still. Unsicher.
„Man kann Glück nicht besitzen.“
Sie ging langsam um das Feuer herum.
„Man kann es nicht einsperren.“
„Nicht stehlen, nicht erzwingen.“
Dann blieb sie stehen.
„Man muss es leben.“
Keiner sagte etwas.
Nur das Feuer knackte.
„Glück entsteht“, sagte Aurea leise, „wenn man zusammen isst. Zusammen lacht. Zusammen Fehler macht.“ Sie sah direkt zu Grath.
„Wenn man jemanden beschützt.“ Grath schluckte sichtbar.
„Oder wenn man jemanden liebt.“
Ein paar Gorms sahen plötzlich sehr beschäftigt auf ihre Schuhe.
Luke flüsterte zu Fynn:
„Die kriegen alle gleichzeitig Gefühle.“
„Pssst.“
Aurea lächelte weiter.
„Es gibt keine Formel, und vielleicht ist genau das das Geheimnis.“
Lange sagte niemand etwas.
Dann stand plötzlich ein alter Gorm auf.
„Das bedeutet… wir sind all die Jahre umsonst durch Höhlen gekrochen?“
Aurea dachte kurz nach.
„Nein.“
Der alte Gorm blinzelte überrascht.
„Ihr habt gesucht.“
Sie breitete die Arme aus. „Und dabei habt ihr einander gefunden.“
Diesmal dauerte es einen Moment. Dann nickte der alte Gorm langsam.
„Das klingt leider ziemlich klug.“
Die nächsten Tage veränderte sich die ganze Burgstadt.
Es wurde heller.
Lauter.
Fröhlicher.
Die Gorms versteckten ihre Freude nicht mehr. Überall hörte man Musik. Kinder rannten durch die Höhlen. Die Feuer brannten bis tief in die Nacht. Und die Reisenden wurden plötzlich wie Freunde behandelt.
Luke war inzwischen jeden Morgen mit mehreren Gorm-Kriegern unterwegs. Sie brachten ihm kämpfen bei. Oder versuchten es zumindest.
„Balance!“ brüllte Grath.
Luke stand mit einem riesigen Holzstab auf einem Balken.
„Ruhe!“
„Konzentration!“
„Innere Stärke!“
Luke nickte ernst.
Dann verlor er das Gleichgewicht. Rutschte ab. Drehte sich einmal komplett in der Luft. Und landete kopfüber in einem Wasserfass.
Die Gorms schwiegen kurz. Dann nickte Grath anerkennend.
„Ungewöhnlicher Kampfstil.“
„Danke.“
„Sehr verwirrend.“
„Auch danke.“
Trotzdem wurde Luke besser. Langsam.
Er lernte, wie man Schläge abwehrte. Wie man das Gewicht des Gegners nutzte.
Und vor allem lernte er, keine Angst vor großen Gegnern zu haben.
„Groß bedeutet nicht unbesiegbar“, erklärte Grath.
„Manchmal bedeutet groß nur… langsamer.“
Luke grinste.
„Oder schwerer.“
„…Oder schwerer.“
Währenddessen verbrachte Leia fast jede freie Minute mit Aurea.
Die beiden saßen oft stundenlang zusammen.
Mal oben auf den Mauern.
Mal in stillen Räumen tief unter dem Palast.
Sie redeten über Technik. Über Menschen. Über Geräusche. Über Angst.
Und irgendwann auch über die Implantate.
Aurea betrachtete sie vorsichtig.
„Darf ich fragen, wie du damit hörst?“
Leia nickte.
Sie erklärte alles ganz genau.
Wie die Mikrofone funktionierten.
Wie die Signale übertragen wurden.
Wie sich verschiedene Geräusche anfühlten.
Aurea hörte aufmerksam zu. „Das ist unglaublich.“
Leia zuckte leicht mit den Schultern.
„Für mich normal.“
„Vielleicht“, sagte Aurea leise, „sind genau solche Dinge Magie.“
Leia sagte darauf erst nichts. Aber später lächelte sie lange vor sich hin.
Fynn bemerkte außerdem etwas anderes. Er brauchte Ephi immer seltener. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Denn er begann sich zu erinnern. An Gespräche. An Wege. An Gesichter. Ohne nachsehen zu müssen. Trotzdem trug er die kleine elektronische weiterhin überall mit sich herum. Wie einen Teil von sich selbst.
Eines Abends saßen alle wieder am Lagerfeuer. Die Stimmung war ruhig. Marie zeichnete. Pem hing kopfüber an einem Balken.
Luke versuchte gerade, mit zwei Gorms Armdrücken zu machen.
Was ungefähr so aussah, als würde ein Toastbrot gegen zwei Felsen kämpfen.
Und Fynn schrieb etwas in Ephi. Nur ein paar Gedanken. Ein paar Erinnerungen. Ein Satz über Zuhause.
Dann rief plötzlich jemand:
„VORSICHT!“
Ein Funken wirbelte durch die Luft.
Jemand stolperte. Luke verlor das Gleichgewicht.
Ein Holzscheit rutschte aus dem Feuer. Alles passierte gleichzeitig.
Fynn griff nach dem Scheit.
Verfehlte es. Und Ephi glitt ihm aus der Hand.
Direkt in die Flammen.
„NEIN!“
Fynn stürzte nach vorne.
Doch Grath hielt ihn fest.
Das Feuer fraß bereits die Hülle des Buches.
Die kleine Kladde krümmte sich. Schwärzte sich.
Sie zog sich zusammen.
Fynn starrte einfach nur hinein. Regungslos.
Marie kniete sich sofort neben ihn.
„Fynn…“
Er sagte nichts. Nur das Feuer knackte weiter.
Dann wurde Ephi schwarz. Und zerfiel langsam zu Asche.
Sehr lange sprach niemand. Selbst Luke nicht.
Schließlich setzte sich Aurea neben Fynn.
„Es tut mir leid.“
Fynn nickte nur schwach. „Da drin war alles.“
Aurea sah ins Feuer. „Nein.“ Er blickte auf. Sie deutete auf seinen Kopf.
„Da drin.“
Fynn schluckte.
„Aber ich vergesse Dinge.“
„Vielleicht.“ Aurea lächelte leicht.
„Aber wichtige Erinnerungen verschwinden nicht einfach.“
Marie rückte näher. Dann hielt sie ihm plötzlich ihr iPad hin.
„Dann benutzen wir eben das hier.“
Fynn sah sie überrascht an.
„Was?“
„Na ja“, sagte Marie, „du brauchst etwas Neues.“
Pem nickte begeistert.
„Das Leuchtbrett!“
Leia grinste. „Ephi 2.“
Sogar Fynn musste lachen. Ein kleines bisschen.
Später zeigte Marie ihm, wie man Notizen machte. Wie man Ordner anlegte. Wie man Sprachaufnahmen speicherte.
Fynn tippte vorsichtig auf den Bildschirm. Es fühlte sich fremd an.
Aber irgendwie auch gut.
„Vielleicht“, murmelte er, „ist das gar nicht so schlecht.“
„Natürlich nicht“, sagte Marie.
„Jetzt kannst du sogar Bilder speichern.“
Pem sprang dazwischen.
„UND MICH.“
„Vor allem dich.“
Die letzten Tage in der Burgstadt vergingen viel zu schnell. Die Kinder trainierten. Lachten. Erzählten Geschichten.
Die Luumen und Gorms begannen sogar gemeinsam zu feiern.
Etwas, das früher unmöglich gewesen wäre.
Eines Morgens standen die Reisenden schließlich oben auf der großen Mauer.
Vor ihnen lagen die Berge. Und irgendwo dahinter wartete der Weg nach Hause.
Der Wind war kalt. Aber niemand fror.
„Bereit?“ fragte Aurea.
Fynn sah zu seinen Freunden.
Zu Luke. Der inzwischen stolz einen Gorm-Kampfstab trug.
Zu Marie. Die schon wieder irgendetwas zeichnete.
Zu Leia. Die neben Aurea stand und lächelte.
Und zu den Luumen.vDie überall herumkletterten.
Dann nickte er langsam.
„Ja.“
Grath trat vor. Der riesige Gorm legte eine Hand auf die Brust.
„Ihr kamt als Fremde.“
Seine Stimme hallte über die Mauern. „Und geht als Freunde.“
Luke grinste breit. „Und fast als professionelle Kämpfer.“
„Fast“, sagte Grath trocken.
Alle lachten.
Dann öffneten sich langsam die gewaltigen Tore der Burgstadt.
Die Heimreise konnte beginnen.
Doch diesmal war alles anders.
Denn niemand lief mehr vor den Gorms davon.
Nun gingen sie gemeinsam.
