Luke und die Gorms
Der große Gorm-Palast ragte wie ein schwarzer Berg über der Burgstadt auf. Die riesigen Mauern glänzten feucht im Licht der Feuerstellen. Überall liefen Wachen herum.
Der ganze Palast wirkte lebendig. Wie ein riesiges Tier aus Stein.
Die acht Reisenden versteckten sich hinter einer Reihe alter Kisten nahe einer schmalen Seitengasse.
Niemand sprach laut.
Selbst Luke flüsterte nur noch.
„Also… ich sag’s nur ungern… aber das hier sieht SEHR nach Ärger aus.“
„Das ist ein feindlicher Palast voller bewaffneter Gorms“, sagte Leia trocken. „Natürlich sieht das nach Ärger aus.“
Luke nickte ernst.
„Gut. Wollte es nur in Worte fassen.“
Leia beobachtete konzentriert die Eingänge des Palastes.
Vorne standen mindestens zwölf Wachen. Am Seitentor patrouillierten weitere. Und auf den Mauern bewegten sich ständig Schatten.
„Zu viele Wachen“, murmelte sie.
„Vielleicht gibt es hinten einen Nebeneingang“, sagte Fynn.
„Oder einen Versorgungstunnel“, ergänzte Marie.
Luke hob begeistert die Hand.
„Oder wir tun einfach so, als wären wir berühmte Sänger.“
Alle sahen ihn an.
„Was?“
„Luke“, sagte Leia langsam, „du kannst nicht singen.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch.“
„Das war nur einmal.“
„Die Pilze im Wald sind dabei beinahe eingegangen.“
Luke verschränkte beleidigt die Arme.
„Die waren empfindlich.“
Die Luumen kicherten leise.
Plötzlich erklang ein tiefes Bellen. Dann noch eins. Alle fuhren erschrocken zusammen. Am Ende der Gasse standen zwei riesige wolfsähnliche Tiere. Ihre Augen leuchteten rot im Dunkeln. Und sie schnupperten direkt in Lukes Richtung.
Luke erstarrte.
„Äh.“
Die Tiere knurrten.
Dann bellten sie plötzlich laut los.
Sofort drehten sich mehrere Gorm-Wachen um.
„DA!“ brüllte einer.
„LAUFT!“ rief Fynn.
Die Gruppe stob panisch auseinander.
Die Luumen sprangen blitzschnell an Mauern und Rohren empor.
Marie duckte sich hinter Fässer.
Leia zog Fynn in den Schatten eines Torbogens.
Und Luke…
Luke blieb mit seinem Schal an einem rostigen Metallhaken hängen.
„Oh nein.“
RATSCH.
Der Stoff spannte sich um seinen Hals.
Luke ruderte panisch mit den Armen.
„NICHT JETZT!“
Die Wachen kamen immer näher. Schwere Schritte donnerten durch die Gasse. Luke zerrte verzweifelt am Schal.Dabei stolperte er rückwärts direkt gegen einen Gorm.
Beide sahen sich erschrocken an.
Dann sagte Luke:
„Hallo.“
Der Gorm packte ihn sofort am Arm.
„Eindringling!“
„Technisch gesehen hab ich mich eher verlaufen.“
Zwei weitere Wachen kamen angerannt.
Innerhalb weniger Sekunden war Luke umringt.
Leia wollte aufspringen. Fynn hielt sie blitzschnell fest.
„Nein!“ flüsterte er. „Dann werden wir alle geschnappt!“
Leia biss sich auf die Lippe.
Luke wurde bereits abgeführt.
„Ich möchte nur kurz sagen“, rief er noch, „dass das hier ein schweres Missverständnis mit schlechter Planung ist!“
„RUHE!“
„Okay!“
Kurze Pause.
„Aber mit wirklich schlechter Planung!“
Dann verschwand er hinter einem schweren Seitentor.
Stille.
Marie sah Leia nervös an.
„Was jetzt?“
Leia atmete tief durch.
„Wir holen ihn zurück.“
„Und Prinzessin Aurea“, sagte Fynn.
„Und die Prinzessin“, ergänzte Leia.
Die vier Luumen nickten entschlossen.
Dann schlichen sie vorsichtig weiter um den Palast herum.
Währenddessen wurde Luke durch mehrere dunkle Gänge geschleift. Der Palast von innen war noch gewaltiger als von außen. Hohe schwarze Säulen ragten bis zur Decke. Zwischen ihnen brannten riesige Feuerbecken. An den Wänden hingen dunkle Teppiche mit goldenen Symbolen.
Und überall liefen Gorms herum.
Luke schluckte.
„Also falls ihr mich essen wollt… ich schmecke nach Abwasserkanal.“
Die Wachen ignorierten ihn.
Eine schob ihn grob weiter.
„Ruhe.“
„Okay.“
Zehn Sekunden später:
„Ist das hier wenigstens ein guter Kerker?“
„RUHE.“
„Das war doch nur eine normale Frage.“
Sie gingen eine breite Treppe hinunter.
Je tiefer sie kamen, desto kälter wurde die Luft.
Aus der Dunkelheit drangen seltsame Geräusche. Kettenrasseln.
Wassertropfen.
Irgendwo schrie jemand. Luke wurde blass.
„Ohhh. Das ist eindeutig die schlechte Kerkerabteilung.“
Eine der Wachen schnaubte genervt.
„Warum redet der Junge die ganze Zeit?“
„Vielleicht ist er kaputt.“
„Das höre ich öfter.“
Dann blieb Luke plötzlich stehen.
Die Wachen zerrten an ihm.
„Weiter.“
Luke zeigte auf einen kleinen Raum am Rand des Ganges.
Dort saßen drei Gorm-Wachen an einem Tisch und spielten Würfel.
Vor ihnen standen Teller mit Essen.
Und offenbar lief das Spiel nicht gut.
Einer der Gorms fluchte laut.
Ein anderer warf die Würfel frustriert gegen die Wand.
Luke grinste langsam. „Ihr spielt falsch.“
Sofort blickten alle drei auf.
„Was?“
Luke nickte ernst. „Definitiv falsche Technik.“
Die Wachen wollten ihn weiterziehen.
Doch einer der spielenden Gorms stand plötzlich auf.
„Du kennst Würfelspiele?“
„Natürlich.“
„Du?“
Luke nickte stolz.
„Ich bin international anerkannter Fast-Beinahe-Gewinner.“
Die Gorms sahen sich verwirrt an.
Dann begann einer plötzlich laut zu lachen. Ein tiefes, rumpelndes Lachen.
„Setzt ihn kurz her.“
„Aber er ist Gefangener.“
„NUR KURZ.“
Luke wurde tatsächlich an den Tisch gesetzt. Er grinste breit.
„Das ist die wahrscheinlich beste Gefangennahme meines Lebens.“
Währenddessen schlichen Leia, Fynn, Marie und die Luumen weiter um den Palast. Schließlich entdeckte einer der Luumen hinter mehreren Kisten eine lockere Steinplatte. Dahinter führte ein schmaler Geheimgang ins Innere. Leia leuchtete vorsichtig hinein.
„Das könnte funktionieren.“
„Oder wir sterben darin“, murmelte Fynn.
„Pessimismus steht dir nicht, das ist eher etwas für Luke.“
Der Gang war eng, staubig und voller Spinnweben. Luke hätte garantiert geschrien. Vorsichtig krochen sie hinein. Der Tunnel führte steil nach unten. Immer wieder mussten sie unter eingestürzten Balken hindurchklettern. Einmal rutschte Marie auf losem Geröll aus. Fynn fing sie gerade noch auf. Das Poltern hallte laut durch den Gang.
Alle erstarrten. Von irgendwo erklangen Schritte.nLeia machte sofort die Kristalllampe aus. Dunkelheit.
Schwere Stiefel näherten sich. Eine Tür wurde geöffnet. Licht fiel kurz durch einen Spalt.
Ein Gorm murmelte etwas Unverständliches. Dann schloss sich die Tür wieder. Die Schritte entfernten sich. Alle atmeten erleichtert aus.
„Das war knapp“, flüsterte Marie.
Der Geheimgang wurde schließlich breiter. Und komplizierter. Immer neue Abzweigungen tauchten auf. Links. Rechts. Treppen. Schmale Durchgänge.
„Das ist ein verf…tes Labyrinth“, murmelte Fynn.
Marie betrachtete die eingeritzten Zeichen an den Wänden.
„Ist das hier vielleicht ein Orientierungssystem?“
Leia nickte langsam. „Oder es sind Warnungen.“
„Das macht es nicht besser.“
Plötzlich hörten sie Stimmen.
Dann Gelächter. Ziemlich lautes Gelächter.
Und mitten darin:
„NEIN! Die Gurke zählt nicht als Waffe!“
Alle blieben sofort stehen. Marie grinste.
„Luke.“
„Definitiv“, sagte Fynn.
Sie folgten den Stimmen durch mehrere enge Gänge. Links. Rechts. Eine Treppe hinunter. Dann wieder hoch.
Einmal öffnete Fynn versehentlich eine Tür.
Dahinter lag ein riesiger Gorm im Blümchenschlafanzug.
Alle starrten sich an. Fynn schloss langsam die Tür wieder.
„Falscher Raum.“
Drinnen erklang nur ein müdes: „Mhm.“
Dann schnarchte der Gorm weiter. Die Stimmen wurden lauter. Jetzt hörten sie sogar Würfel über Holz rollen. Und Gelächter. Dann erreichten sie eine halb offene Tür. Vorsichtig spähte Leia hinein. Und erstarrte.
Luke saß gemütlich mit drei Gorms an einem Tisch. Vor ihnen lagen Würfel. Und Teller voller Essen.
Die vier lachten gerade laut.
„…und dann sagt der Pilz: Das ist mein Stuhl!“ beendete Luke seinen Witz.
Einer der Gorms schlug brüllend vor Lachen auf den Tisch. Ein anderer japste nach Luft. Auch der dritte hatte Tränen in den Augen.
Leia blinzelte verwirrt.
„Was…?“
Luke bemerkte sie sofort. „OH! Da seid ihr ja endlich!“
Die drei Gorms drehten sich um. Sofort wurde es still. Fynn spannte sich an. Marie griff nach ihrem iPad.
Leia hob langsam die Hände.
Doch dann sagte Luke völlig entspannt:
„Die gehören zu mir.“
Kurze Pause. Dann nickte einer der Gorms einfach.
„Setzt euch.“
Alle sahen sich irritiert an.
„Äh… was?“ fragte Fynn.
„Frühstück“, sagte der Gorm und schob mehrere Teller herüber.
Auf dem Tisch standen dampfende Schüsseln mit gebratenen Pilzen, Fleischstücken und grünen Fladen.
Es roch überraschend gut. Luke grinste breit.
„Die wollten mich erst einsperren.“
„Und jetzt?“ fragte Marie vorsichtig.
Luke biss in einen Fladen.
„Jetzt bin ich offenbar Würfelberater.“
Einer der Gorms nickte ernst.
„Er ist schlecht im Kämpfen.“
„Danke.“
„Aber lustig.“
Luke strahlte. „ENDLICH erkennt das mal jemand.“
Langsam setzten sich die anderen tatsächlich dazu.
Leia blieb trotzdem misstrauisch.
„Warum helft ihr ihm?“
Die drei Gorms sahen sich kurz an. Dann zuckte einer mit den Schultern.
„Der Junge macht dumme Geräusche.“
„Und Witze“, sagte Luke stolz.
„Ja.“
Der Gorm schob ihm noch einen Teller hin.
„Mehr dumme Geräusche.“
Und während tief irgendwo im riesigen Palast Prinzessin Autea gefangen gehalten wurde saßen ihre möglichen Retter erst einmal mit drei Gorm-Wachen beim Frühstück.
Und lachten über schlechte Gurkenwitze.
