Das Tok in der Dunkelheit
In der Höhle war es still geworden.
Nicht einfach nur ruhig, sondern mäuschenstill. So, als hätte jemand alle Geräusche eingesammelt und irgendwo versteckt.
Kein Rascheln, kein Zirpen, nicht einmal die seltsamen flatternden Nachtkäfer mit ihren glühenden Flügeln summten noch zwischen den Felsen herum. Vor wenigen Minuten waren sie noch überall gewesen. Jetzt hing nur noch Dunkelheit zwischen den Wänden.
Sogar der Wind schien sich versteckt zu haben.
Luke blickte nervös nach oben.
„Okay“, murmelte er. „Wenn sogar die gruseligen Käfer Angst haben, sollten wir vielleicht auch—“
TOK.
Das Geräusch hallte dumpf durch die Höhle.
Alle erstarrten sofort.
Marie hielt mitten in der Bewegung an.
Fynn spürte plötzlich, wie ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunterlief.
TOK.
TOK.
Diesmal näher.
Es klang wie Holz gegen Stein.
Langsam.
Schwer.
Rhythmisch.
TOK.
TOK.
TOK.
Leia hob blitzschnell die Hand.
Ruhezeichen.
Ohne ein Wort duckten sich die vier Kinder hinter einen aufragenden Felsen. Neben ihnen verharrten die vier Luumen reglos zwischen den Farnen. Ihre sonst leuchtenden Fellspitzen waren jetzt dunkel geworden. Nur manchmal blitzte ein nervöses Zittern darin auf.
Fynn schluckte.
„Das sind sie, oder?“
Einer der Luumen nickte hektisch.
„Hohlbeine“, flüsterte Leia.
TOK.
Das Geräusch kam näher.
Zwischen den Steinen bewegten sich große Schatten.
Für einen Moment glaubte Fynn, die Felsen selbst würden laufen.
Dann trat die erste Gestalt aus der Dunkelheit.
Und Fynn musste sich beherrschen, nicht laut loszuatmen.
Die Wesen waren riesig. Fast zwei Meter groß. Dürr und knochig.
Ihre Arme reichten beinahe bis zu den Knien, und ihre langen Beine waren seltsam gebogen. Die Haut sah grau und rissig aus wie nasser Stein. Über Rücken und Schultern verliefen helle Knochenplatten, die bei jeder Bewegung leise klackten.
Klack.
Klack.
Klack.
Und ihre Beine…
Luke starrte sie an.
„Die heißen wirklich Hohlbeine.“
Tatsächlich waren Teile ihrer Beine hohl wie Röhren.
Bei jedem Schritt drang das dumpfe TOK-Geräusch daraus hervor.
TOK.
TOK.
TOK.
Immer mehr Gestalten tauchten mittlerweile auf. Mindestens zwanzig, aber wahrscheinlich viel mehr.
Manche trugen Bündel aus Ästen auf dem Rücken.
Andere schleppten Körbe aus geflochtenen Wurzeln.
Einige hielten lange Stäbe, an deren Spitzen leuchtende Pilze befestigt waren. Das fahle Licht ließ die Gesichter der Wesen noch unheimlicher wirken. Ihre Augen waren groß und schwarz.
Aber nicht böse, sondern eher traurig.
„Die sehen gar nicht gefährlich aus“, murmelte Marie.
„Das sagen Leute in Geschichten immer kurz bevor sie gefressen werden“, flüsterte Luke.
Doch die Hohlbeine beachteten die Reisenden zunächst gar nicht.
Sie bewegten sich langsam, wie suchend, durch das Gewölbe.
Einer kniete plötzlich neben einem Stein nieder. Dort lag ein kleines Fellwesen. Tot.
Der Hohlbein hob es vorsichtig hoch, beinahe liebevoll, und legte es in seinen Korb. Danach machte er eine langsame Bewegung mit der Hand über seiner Brust. Wie ein stiller Gruß.
Leia beobachtete aufmerksam jede Bewegung.
„Sie entsorgen tote Tiere“, flüsterte sie. „So etwas wie… Grottenaufräumer.“
„Naturpolizeihauptkommissare“, sagte Luke ernst.
Alle sahen ihn an.
„Was denn? Klingt offiziell.“
Fynn musste grinsen.
Doch plötzlich hielten die Hohlbeine inne. Gleich mehrere Köpfe drehten sich gleichzeitig in ihre Richtung.
Die Kinder duckten sich tiefer.
TOK.
TOK.
Stille.
Einer der Hohlbeine trat langsam näher. Sein leuchtender Pilzstab tauchte den Baumstamm in kaltes blaues Licht.
Luke flüsterte:
„Wenn die jetzt fragen, ob wir angemeldet sind, renne ich.“
Leia ignorierte ihn. Sie beobachtete das Wesen ganz genau. Die Kreatur blieb wenige Meter vor ihnen stehen.
Dann hob sie langsam beide Hände. Ihre langen Finger bewegten sich vorsichtig.
Die anderen Hohlbeine beobachteten alles regungslos.
Leia runzelte die Stirn.
„Ich glaube…“
Das Wesen zeigte auf seinen eigenen Bauch. Dann auf die Kinder.
Dann deutete es zum Ausgang. Anschließend machte es kreisende Bewegungen mit beiden Händen.
Leia blinzelte überrascht.
„Ich glaube… er fragt, ob wir Hunger haben.“
„WAS?“ flüsterte Luke viel zu laut.
Sofort drehten sich mehrere Hohlbeine zu ihm um. Luke presste erschrocken beide Hände auf den Mund.
Die Kreatur wiederholte geduldig die Bewegungen.
Diesmal verstand sogar Marie.
„Essenssuche“, sagte sie.
Der Hohlbein nickte begeistert.
Seine Knochenplatten klackten leise dabei.
Luke sah fassungslos zwischen den Wesen hin und her.
„Das ist offiziell die höflichste Monsternacht meines Lebens.“
Nun begannen mehrere Hohlbeine miteinander zu kommunizieren.
Aber sie sprachen nicht.
Nicht ein einziges Wort. Stattdessen bewegten sich Hände, Schultern und Gesicht unglaublich schnell. Ein kurzes Heben der Augenbraue schien ein ganzer Satz zu sein. Ein schräges Neigen des Kopfes offenbar eine Frage. Leia war vollkommen fasziniert.
„Ihre Sprachorgane sind wahrscheinlich verkümmert“, flüsterte sie. „Deshalb nutzen sie Gesten und Mimik. Fast wie Gebärdensprache.“
Einer der Luumen machte plötzlich nervöse Zeichen.
Zwei weitere Hohlbeine näherten sich. Sie waren deutlich größer als die anderen. Und sie trugen lange Knochenstäbe.
Luke wurde blass. „Das sind bestimmt die Naturpolizeihauptkommissar-Chefs.“
Die beiden großen Wesen musterten die Gruppe aufmerksam.
Einer zeigte auf Lukes Atemmaschine. Dann auf die Ozwei-Blätter.
Leia spannte sich an. Langsam hob sie die Hände. Ganz vorsichtig.
Dann machte sie dieselbe kreisende Geste wie zuvor.
Die Hohlbeine beobachteten sie überrascht.
Eines der Wesen antwortete sofort mit mehreren schnellen Bewegungen.
Leia starrte es an.
„Äh… ich glaube…“
„Was?“ fragte Fynn nervös.
„Ich glaube, ich habe gerade aus Versehen gesagt, dass Luke stinkt.“
Luke sah empört auf.
„WAS?“
Der Hohlbein nickte zustimmend. Sogar die Luumen kicherten.
„Na toll.“
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Die beiden großen Hohlbeine machten plötzlich langsame, ruhige Bewegungen.
Einladende Bewegungen.
Sie deuteten auf einen geschützten Platz zwischen hohen Felsen.
Dort brannte sogar ein kleines Feuer aus bläulich glühendem Holz.
Offenbar erlaubten sie den Reisenden, dort die Nacht zu verbringen.
Die Luumen wirkten sofort erleichtert.
„Wir sollten Essen suchen“, meinte Marie.
„Ich komme mit“, sagte Fynn sofort.
Luke sprang ebenfalls auf.
„Ich auch.“
„Nein“, sagte Leia.
„Warum nicht?“
„Weil du vermutlich versuchst, ein Tier zu fangen und am Ende vom Tier gefangen wirst.“
„Das ist erst zweimal passiert.“
„Dreimal“, korrigierte Marie.
Luke verschränkte beleidigt die Arme.
„Das mit der Ziege zählt nicht.“
„Die Ziege hat dich einen Hügel runtergezogen.“
„Aber nur kurz.“
Fynn und Marie verschwanden schließlich zwischen den dunklen Bäumen.
Die Höhle wirkte jetzt noch unheimlicher.
Riesige Pilze leuchteten schwach zwischen den Steinen.
Von irgendwo tropfte Wasser in gleichmäßigem Rhythmus.
Tropf.
Tropf.
Tropf.
Zwischendurch knackte es immer wieder. Marie blieb plötzlich stehen.
„Hast du das gehört?“
Fynn nickte.
Irgendetwas bewegte sich dort. Beide hielten den Atem an.
Dann schob sich plötzlich ein riesiges Tier aus dem Gebüsch.
Fynn zuckte zusammen.
Das Wesen sah aus wie eine Mischung aus Wildschwein und Teppich.
Und es trug leuchtende Pilze auf dem Rücken.
Das Tier schnupperte kurz. Dann trottete es weiter.
Fynn atmete aus.
„Ich vermisse normale Wälder.“
„Normale Wälder haben keine selbstkochenden Früchte.“
„Woher weißt du—“
„Da!“
Zwischen mehreren Steinen wuchs eine niedrige Pflanze mit dicken goldgelben Früchten. Die Früchte dampften leicht.
„Das sieht… falsch aus“, sagte Fynn.
Marie hob vorsichtig eine Frucht auf. Sie war warm. Richtig warm.
„Komisch.“
Sie legte eine zweite darauf. Plötzlich begann die untere Frucht stärker zu dampfen. Ein leises Zischen erklang.
Fynn riss die Augen auf.
„Die kochen sich selbst!“
Neugierig stapelten sie weitere Früchte übereinander.
Innerhalb weniger Sekunden brutzelte und dampfte der ganze Haufen wie eine kleine Grillplatte.
Es roch unglaublich gut nach süßen Früchten.
Und gleichzeitig irgendwie nach gebratenem Fleisch.
„Leia wird ausrasten“, sagte Marie grinsend.
Als sie zurückkehrten, saßen die anderen zwischen den Felsen.
Die Hohlbeine hatten sich ringsum verteilt und wachten schweigend am Feuer.
Es knisterte leise. Luke griff sofort nach einer der gegarten Früchte.
„Wenn ich daran sterbe, will ich wenigstens satt sterben.“
Er biss hinein. Dann erstarrte er. Langsam begann er zu kauen.
Alle warteten gespannt.
„Was?“ fragte Fynn.
Luke kaute weiter.
„Das schmeckt…“
Noch ein Bissen.
„…wie Ananas…“
Er schluckte.
„…und Schnitzel.“
Stille.
Dann sagte einer der Luumen begeistert etwas in seiner piepsigen Sprache.
Luke nickte ernst.
„Ja. Genau das denke ich auch.“
Sogar einige Hohlbeine beobachteten neugierig das Essen.
Einer machte vorsichtige Gesten in Richtung Luke.
Leia übersetzte grinsend:
„Er fragt, warum du so laut kaust.“
Die Nacht verlief schließlich ruhig.
Ab und zu hörte man in der Ferne das dumpfe TOK der wandernden Hohlbeine.
TOK.
TOK.
TOK.
Immer leiser wurde das Geräusch.
Bis nur noch der Wind übrig blieb.
Und irgendwo hoch über ihnen rauschte der dunkle Wald von Gormien
