Das Lied der Bäume
Die Gorms verschwanden nicht einfach. Sie zogen sich schlagartig zurück.
Noch mehrere Sekunden lang hörten die vier Freunde das tiefe Kratzen ihrer Krallen irgendwo zwischen den Felsen und das dumpfe Poltern schwerer Schritte im Wald.
Dann wurde es still.
Fynn merkte erst jetzt, wie schnell sein Herz raste.
Luke schnaufte neben ihm wie nach einem Dauerlauf.
Marie hielt ihr iPad so fest, dass ihre Finger weiß wurden.
Und Leia stand vollkommen regungslos da und lauschte mit ihren Löffeln konzentriert in die Dunkelheit.
„Sind sie weg?“, flüsterte Luke.
„Wenn du noch leiser sprichst, hören wir dich vielleicht gar nicht mehr“, murmelte Fynn.
Marie sah nervös zwischen den Bäumen hindurch.
„Ich dachte wirklich, die fressen uns gleich.“
„Hat er vielleicht auch vorgehabt“, sagte Leia ruhig.
Luke starrte sie an.
„Das hilft aber auch nicht, wenn du mich angaffst.“
Fynn ließ sich gegen einen Felsen sinken und atmete tief aus.
Er konnte immer noch kaum glauben, dass ihr verrückter Plan funktioniert hatte. Und der war so:
Eigentlich hatte alles nur aus purer Panik begonnen.
Der Gorm war plötzlich zwischen den Bäumen aufgetaucht — riesig, breit wie ein Schrank und mit Augen, die im Dunkeln glühten.
Luke hatte natürlich sofort angefangen rückwärts zu stolpern.
Dabei war er gegen einen abgestorbenen Baum gekracht, der mit lautem Krachen umgefallen war.
Der Gorm hatte sich sofort zu ihnen umgedreht.
Und dann hatte Leia plötzlich diesen Blick bekommen.
Diesen Blick, den sie immer bekam, wenn ihr Gehirn schneller arbeitete als bei allen anderen.
„Fynn“, hatte sie leise gesagt, „die hören extrem gut.“
„Woher weißt du das?“
„Weil seine Ohren gezuckt haben, als Luke geatmet hat.“
„Ja, ich atme halt laut, okay?!“, hatte Luke panisch geflüstert.
Leia ignorierte ihn völlig.
Dann liefen sie im Baum immer höher und Leia hatte diese Idee:
Sie hatte bereits hektisch ihr kleines Minimikrofon aus der Tasche gezogen — einen Zusatzverstärker für ihre Implantate.
Eigentlich nutzte sie ihn nur in besonders lauten Räumen in der Schule. Oder wenn Lehrer gleichzeitig redeten und Luke wieder irgendeinen Unsinn machte.
Aber diesmal hatte sie etwas anderes vorgehabt.
„Wir müssen ihn glauben lassen, dass hier etwas Größeres ist als er“, hatte sie gesagt.
Marie hatte sie angestarrt.
„Etwas GRÖSSERES?“
„Gorms denken in Stärke“, hatte Leia erklärt.
„Wenn sie Angst bekommen, ziehen sie sich zurück.“
„Und wie genau machen wir das?“
Leia hatte bereits auf Fynn gezeigt.
„Du wirfst mit allem, das hier so rum liegt.“
„Mit allem?“
„Mit allem.“
Fynn hatte keine Ahnung gehabt, was sie meinte.
Trotzdem hatte er angefangen, alles aufzuheben, was irgendwie Wurm Werden geeignet schien.
Luke dagegen war kurz davor gewesen ohnmächtig zu werden.
„Ich möchte erwähnen, dass ich gegen diesen Plan bin.“
„Du bist gegen jeden Plan“, hatte Marie gesagt.
„Ja, aber diesmal professionell.“
Der Gorm war schon fast durch die Tür gekommen und sie hörten schon seine Verstärkung.
Jeder seiner Schritte hatte den Boden leicht beben lassen.
Dann hatte Leia ihren Verstärker eingeschaltet.
Ein schrilles Pfeifen war durch den Wald gezogen.
Selbst Fynn hatte zusammengezuckt.
Der Gorm ebenfalls. Seine riesigen Ohren hatten sich sofort bewegt.
„JETZT!“, hatte Leia gerufen.
Fynn hatte die ersten Steine in die Felsen geschleudert.
Das Krachen hallte laut durch die Schlucht.
Marie hatte sofort verstanden und ebenfalls Äste gegen die Wände geworfen.
Überall entstanden plötzlich Echos.
Und Leia hatte mit dem Verstärker immer wieder kurze, kreischende Geräusche erzeugt, die zwischen den Felsen völlig verzerrt klangen.
Als würden riesige Wesen miteinander kommunizieren.
Die Gorms war stehen geblieben. Zum ersten Mal hatte er unsicher gewirkt.
„Mehr Krach!“, hatte Leia gerufen.
Luke hatte tief Luft geholt.
Und dann angefangen zu brüllen. Nicht mutig, sondern einfach panisch. Aber erschreckend laut.
Später würde Fynn behaupten, Luke habe geklungen wie ein sterbender Elch mit Bauchschmerzen.
Der Effekt war jedenfalls gewaltig gewesen.
Das Echo hatte das Geschrei vervielfacht.
Überall zwischen den Felsen hallten plötzlich unheimliche Geräusche.
Der Gorm war hektisch herumgewirbelt.
Und genau dann hatte Leia ihren letzten Trick benutzt.
Sie hatte den Verstärker direkt an einen hohlen Baumstamm gehalten.
Das tiefe Dröhnen, das dadurch entstanden war, hatte sich angehört wie das Brüllen eines gigantischen Monsters direkt hinter dem Gorm.
Für einen Moment war alles still geworden.
Dann hatte der Gorm plötzlich einen erschrockenen Laut ausgestoßen. Und er war verschwunden. Einfach weggerannt. Mit seiner Verstärkung. Luke hätte gesagt, das war offiziell ein taktischer Rückzug.
Jetzt stand er immer noch zitternd neben ihnen.
„Also technisch gesehen“, sagte er langsam, „war mein Schreien vielleicht doch wichtig.“
Leia sah ihn an.
„Leider ja.“
Luke grinste sofort.
„Dann möchte ich offiziell als Krieger gefeiert werden.“
„Du wirst eher als lebende Sirene gefeiert“, sagte Marie.
Fynn musste lachen.
Und irgendwo hoch oben zwischen den dunklen Ästen begann plötzlich ein leises Kichern. Die Luumen hatten alles beobachtet.
Luke wollte gerade beleidigt antworten, als plötzlich über ihnen Äste knackten. Alle vier zuckten zusammen. Mehrere Schatten huschten durch die Baumkronen. Dann erschienen überall kleine leuchtende Fellspitzen zwischen den Blättern.
Dutzende Luumen. Vielleicht sogar noch mehr.
Sie sprangen lautlos von Ast zu Ast und bewegten sich so flink durch die riesigen Baumkronen, dass Fynn irgendwann kaum noch erkennen konnte, wo überhaupt einer aufgehört und der nächste angefangen hatte.
Einer der Luumen ließ sich plötzlich kopfüber an einem Ast herunterhängen. Direkt vor Luke.
Luke schrie auf.
Der Luum schrie ebenfalls auf. Dann schrien beide noch einmal.
„HÖRT AUF ZU SCHREIEN!“, rief Marie.
Sofort herrschte Stille.
Luke atmete schwer.
Der kleine Luum starrte ihn an.
„Großer Mensch kaputt?“
„Ja“, sagte Leia sofort.
„Sehr kaputt.“
Der Luum nickte ernst.
„Dachte ich mir.“
Mehrere andere Luumen kicherten.
Ihre Fellspitzen leuchteten dabei hellgrün auf.
Marie bemerkte es sofort.
„Oh mein Gott… die Spitzen ändern wirklich ihre Farbe.“
Jetzt konnte sie die Wesen genauer sehen.
Die Luumen waren etwa so groß wie Kinder, aber viel schmaler gebaut. Ihre Arme und Beine wirkten unglaublich beweglich. Hände und Füße sahen beinahe gleich aus. Manche hielten sich nur mit den Füßen an Ästen fest, während sie mit den Händen Früchte oder Werkzeuge trugen.
Leia beobachtete sie fasziniert.
„Die können wirklich mit Händen und Füßen gleich gut greifen.“
„Das ist unfair“, sagte Luke. „Und ich falle schon von einer normalen Leitern.“
Ein älterer Luum trat zwischen den anderen hervor.
Sein Fell war dunkelgrau und die Spitzen leuchteten tiefblau.
Sofort wurden die anderen still.
Der alte Luum betrachtete die vier Menschen lange.
„Ihr habt die Gorms vertrieben.“
Fynn kratzte sich am Hinterkopf.
„Naja… eher verwirrt.“
„Mit einem ziemlich dummen Trick“, ergänzte Leia.
Luke grinste. „Aber erfolgreich dumm.“
Der alte Luum nickte langsam. „Das ist oft die gefährlichste Art von dumm.“
Marie musste lachen.
„Das beschreibt Luke erschreckend gut.“
„Danke… glaube ich.“
Der alte Luum legte eine Hand auf seine Brust. „Ich bin Seris. Hüter des oberen Hains.“
„Das klingt wichtig“, sagte Luke.
„Ist es.“
„Cool. Ich bin Luke. Hüter des Kühlschranks.“
Seris sah ihn mehrere Sekunden lang schweigend an.
Dann nickte er höflich.
„Auch eine große Verantwortung.“
Fynn prustete los. Selbst Leia musste grinsen.
Seris drehte sich um.
„Kommt. Hier unten seid ihr nicht sicher.“
Die Luumen führten die vier tiefer in den Baum. Oder eigentlich höher.
Erst jetzt bemerkten die Freunde die riesigen Plattformen zwischen den Ästen. Brücken aus geflochtenen Seilen spannten sich von Baum zu Baum. Leuchtende Früchte hingen wie Laternen zwischen den Zweigen. Überall bewegten sich Luumen durch die Baumkronen. Manche schwangen an Lianen. Andere liefen kopfüber unter Ästen entlang. Ein kleiner Luum sprang einfach an Luke vorbei und verschwand drei Meter weiter oben zwischen Blättern.
Luke blieb stehen.
„Nein.“
„Nein was?“, fragte Marie.
„Ich gehe da nicht hoch.“
„Warum nicht?“
„Weil Menschen nicht dafür gebaut wurden.“
„Doch“, sagte Leia.
„Manche schon.“
„ICH nicht!“
Seris zeigte auf eine breite Plattform.
„Dort hinauf.“
Luke blickte nach oben. Dann wieder nach unten. Dann wieder nach oben. „Ich sterbe.“
„Wahrscheinlich nicht“, sagte Leia.
„Dieses wahrscheinlich beruhigt mich überhaupt nicht.“
Die ersten Meter waren noch einfach.
Dann begann die Hängebrücke zu schwanken.
Luke klammerte sich sofort mit beiden Armen an das Seil.
„Das bewegt sich aber heftig!“
„Das nennt man Brücke“, sagte Fynn.
„Das nennt man Todesfalle!“
Marie lief grinsend an ihm vorbei.
„Beeil dich.“
„Ich darf hier oben unmöglich sterben. Ich habe noch Chips in meinem Rucksack.“
Leia blieb plötzlich stehen. Ein paar Regentropfen fielen durch die Blätter. Sie zog sofort die Kapuze ihrer Jacke hoch.
Fynn bemerkte es. „Alles okay?“
Leia nickte knapp. „Die Implantate dürfen nicht nass werden.“
„Ach ja, stimmt.“
Leia berührte kurz die Prozessoren hinter ihren Ohren.
„Ein bisschen Feuchtigkeit ist okay. Aber nicht viel.“
Der Regen wurde stärker. Die Tropfen platschten nun auf die Blätter über ihnen. Seris blickte nach oben.
„Schnell weiter.“
Mehrere Luumen huschten sofort über die Brücken und spannten große Blattdächer über einige Wege. Fynn staunte.
Innerhalb weniger Sekunden bauten die Luumen einen kompletten Regenschutz.
„Die sind echt gut organisiert“, murmelte er.
Luke zog vorsichtig seine Jacke aus.
„Hier.“
Leia sah ihn überrascht an.
„Du brauchst die selbst.“
„Ja, aber ich höre auch ohne Technik oder so und meinen Ohren ist Nässe wurscht.“
Leia verdrehte die Augen.bTrotzdem nahm sie die Jacke und legte sie zusätzlich über ihren Kopf. Gemeinsam erreichten sie schließlich die große Hauptplattform. Und alle vier blieben sofort stehen.
Das Dorf der Luumen lag mitten in den Baumkronen. Überall verbanden Brücken die riesigen Plattformen. Kleine Häuser waren direkt in die Stämme hineingebaut. Leuchtende Pflanzen wuchsen an den Geländern. Zwischen den Ästen flatterten Stoffbahnen im Wind. Und überall bewegten sich Luumen.
Doch etwas stimmte nicht. Niemand lachte. Niemand spielte.
Die Fellspitzen vieler Luumen leuchteten nur schwach und dunkel.
Traurig. Oder vielleicht ängstlich?
Marie bemerkte es sofort.
„Die haben Angst.“
Seris nickte langsam.
„Seit die Gorms hier sind, ist nichts mehr wie früher.“
Die vier folgten ihm über mehrere Plattformen bis zu einer besonders großen Fläche mitten zwischen den Bäumen. Dort warteten bereits weitere Luumen. Darunter auch einige ältere.
Und alle wirkten ernst.
Seris drehte sich zu den Kindern um.
„Ihr müsst verstehen, warum die Gorms hier sind.“
Plötzlich wurde selbst Luke still.
Der Wind rauschte durch die gewaltigen Baumkronen.
„Die Gorms lebten früher tief unter den Bergen“, begann Seris.
„Schon immer waren sie brutal. Gierig. Voller Zorn.“
Die Fellspitzen einiger Luumen färbten sich dunkelrot.
„Doch vor vielen Jahren erfuhren sie von einem Geheimnis.“
Fynn runzelte die Stirn. „Von welchem Geheimnis?“
Seris schwieg kurz. Dann sagte er leise: „Dem Geheimnis der Freude.“
Mehrere Luumen senkten den Blick.
„Unser Volk bewahrt seit Jahrhunderten ein Wissen“, erklärte Seris weiter. „Ein Wissen darüber, wie man glücklich lebt.“
Luke blinzelte.
„Moment mal… ihr habt ernsthaft die Formel fürs Glück?“
„Nicht so, wie du denkst.“
„Bitte sag mir trotzdem, dass irgendwo magische Glückskekse existieren.“
Leia seufzte. „Natürlich denkt er sofort ans Essen.“
„Glück und Mampf gehören zum Kampf.“
Seris trat näher.
„Die Gorms glauben, dass dieses Geheimnis ihnen unendliche Macht geben kann.“
„Und deswegen greifen sie euch an?“, fragte Marie leise.
Seris nickte. Seine Fellspitzen wurden dunkler.
„Vor drei Nächten drangen sie bis zum Palast vor.“
Mehrere Luumen schlossen erschrocken die Augen.
„Sie suchten unsere Prinzessin.“
„Aurea“, flüsterte ein kleiner Luum traurig.
Die Plattform wurde still. Sogar der Wind schien leiser zu werden.
„Sie haben Aurea entführt“, sagte Seris schließlich.
Marie schluckte.
„Eine echte Prinzessin?“
„Ja.“
Luke sah plötzlich beeindruckt aus. „So richtig mit Krone und so?“
Leia starrte ihn an. „Das ist deine wichtigste Frage?“
„Natürlich ist das wichtig!“
Fynn rieb sich das Gesicht. „Wir werden irgendwann wegen ihm sterben.“
„Aber dann immerhin stilvoll“, sagte Luke.
Seris führte sie zu einer Karte aus leuchtenden Steinen auf dem Boden. Dunkle Linien zeigten Wälder, Berge und Höhlen. Eine Stelle war schwarz markiert.
„Kar’duum“, sagte Seris leise.
Sofort reagierten mehrere Luumen nervös. Selbst ihre Fellspitzen flackerten hektisch. „Die Burg und die Höhlen der Gorms.“
Leia kniete sich hin und betrachtete die Karte genau.
„Dort bringen sie Aurea hin?“
„Wahrscheinlich.“
„Wie weit?“
„Einige Tagesreisen.“
Luke stöhnte sofort. „Und ich bin jetzt schon müde.“
Plötzlich knackte irgendwo unter ihnen ein Ast. Alle erstarrten.
Mehrere Luumen sprangen sofort in die Baumkronen.
Seris hob warnend die Hand. Wieder knackte es.
Fynn griff nach einem Stock.
Marie hielt den Atem an.
Leia lauschte konzentriert.
Dann rollte plötzlich etwas Rundes aus einem Busch unter der Plattform.
Luke schrie erneut. Das Ding blieb mitten auf dem Weg liegen.
Eine riesige Frucht. Mehrere Sekunden sagte niemand etwas.
Dann steckte ein kleiner Luum vorsichtig den Kopf hervor.
„Äh… runtergefallen.“
Luke presste die Hand auf die Brust.
„Ich brauche irgendwann Herzmedizin.“
„Oder einfach weniger Panik“, sagte Leia.
Doch genau in diesem Moment ertönte irgendwo weit draußen im Wald ein tiefes Heulen. Mehrere Luumen duckten sich sofort. Die Fellspitzen vieler Bewohner wurden dunkelviolett. Angst.
Seris blickte hinaus in die Dunkelheit zwischen den gewaltigen Bäumen.
„Die Gorms suchen weiter.“
Und plötzlich hatte Fynn das unangenehme Gefühl, dass der erste Angriff erst der Anfang gewesen war.

